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Vorträge, Highlights und Impressionen vom VELB /ILCA Kongress 2010 in Basel

Wie auch die TeilnehmerInnen kamen die ReferentInnen aus allen Kontinenten und verschiedenen Ländern nach Basel.
Dr. med. dent. Vera Hüttemann entkräftete in Ihrem Vortrag die sich hartnäckig haltende Meinung, dass nächtliches Stillen, bzw. Langzeitstillen frühkindliches Karies fördert. Langzeit stillende Mütter bekommen vorgeworfen, dass Stillen die Kariesentstehung durch Umspülen der Zähne fördert. Im Vortrag zeigte Frau Dr. Hüttemann auf, wie Karies entsteht, und wie Muttermilch im Gegensatz zu Milchersatzprodukten Schutz bietet. So konnte sie zeigen, dass Stillen die optimale frühkindliche Prophylaxe der Mundgesundheit darstellt.
Karies ist eine Zivilisationskrankheit, die es erst seit ca. 8000 Jahren gibt, den modernen Menschen aber gibt es schon seit 100.000 Jahren. Somit gab es 92.000 Jahre kein Karies bei gestillten Kindern. Muttermilch ist somit älter als Karies. Tiere werden auch gesäugt, auch bei diesen mit Milchzahngebiss, die Milch enthält ebenfalls Kohlenhydrate, dennoch ist Karies bei Tieren (in freier Wildbahn) nicht bekannt.
Karies ist eine multifaktorielle Erkrankung, es braucht einen Wirt – den Zahn, einen Plaque, ein Substrat – das Essen, Zeit – wie lange die Nahrung im Mund verweilt und die Häufigkeit der Zufuhr – die Anzahl der Mahlzeiten. Dazu aber auch einen Keim – den Streptokokkus mutans: Karies ist somit eine Infektionserkrankung, denn es ist die Übertragung dieses Keimes notwendig.
Das lässt den Schluss zu, dass die beste Prävention von Karies bei Kindern die Zahnsanierung der Eltern schon vor der Schwangerschaft darstellt. Außerdem ist eine ausreichende Mundhygiene der Eltern und später des Kindes notwendig. Das Ablecken von Schnuller und Baby-Löffel durch die Eltern soll vermieden werden. Denn: Wenn Kinder mit drei Jahren noch keine Infektion mit dem Streptokokkus mutans haben, geschieht es viel seltener, dass sie im späteren Leben Karies bekommen.
Der Zahn besteht im äußeren Bereich aus Zahnschmelz – der härtesten Substanz des menschlichen Körpers, der zu 98% aus anorganischen Substanzen besteht. Darunter sitzt das Dentin. Plaque bildet sich auf dem Schmelzoberhäutchen und ist ein von Bakterien aufgebauter Biofilm. Dieser ist schwer entfernbar, die inneren Bakterien sind somit relativ geschützt. Der Streptokokkus mutans haftet gerne an und er bildet starke Säuren. Ist er in der Plaque enthalten, bildet er durch die Spaltung von Zucker im anaeroben Stoffwechsel Säuren. Sinkt der ph-Wert nun im Mund unter den kritischen ph-Wert von 5,5, werden Kalzium und Phosphate aus dem Zahnschmelz gelöst. Damit liegt Kollagen frei, die Bakterien können in das Dentin eindringen und das Kollagen abbauen. So kann es nicht mehr remineralisiert werden und Karies entsteht.
Auch Muttermilch enthält kurzkettige Kohlenhydrate und wird häufig und über eine lange Zeit zugeführt. So könnte man denken, dass auch sie kariogene Wirkung haben kann.
Im Gegensatz zu anderen zuckerhaltigen Nahungsmitteln senkt Muttermilch aber den ph-Wert nicht. Beim Stillen werden die Zahnleiste und der Zahn nicht umspült. Muttermilch hingegen wirkt der Kariesbildung entgegen: durch IgA wird das Wachstum von Bakterien gehemmt, Laktoferrin bindet Eisen, so dass dieser zur Vermehrung von Bakterien notwenige Stoff nicht zur Verfügung steht und außerdem enthält Muttermilch Mineralien zur Remineralisierung der Zähne.
In neuesten Untersuchungen konnte kein kausaler Zusammenhang zwischen Stillen und frühkindlicher Karies hergestellt werden. Im Gegenteil: Stillkinder erkranken seltener an frühkindlicher Karies. Muttermilch kann deshalb als eine Art „Karieskiller“ angesehen werden.
Bekommen Stillkinder poröse Schneidezähne, sollte als erstes über eine Zahnfehlbildung intrauterin durch ungünstige Voraussetzungen – ggf. Infekt der Mutter – nachgedacht werden.
Als weiteren Schutz haben sich Fluoride in der Kariesprophylaxe sehr bewährt. Sie greifen an verschiedenen Punkten in die Kariesentstehung hemmend ein: Der Zahnschmelz wird säureresistenter, die Remineralisierung wird beschleunigt und der Stoffwechsel des Streptokokkus mutans wird gehemmt. Da die Wirkung jedoch fast ausschließlich lokal ist, sind eine Tablettenfluoridierung kleiner Säuglinge ohne Zähne kontraindiziert und auch später sollte die Fluoridierung vor allem lokal erfolgen.
Vortrag zusammengefasst von Gudrun von der Ohe, Ärztin sowie IBCLC.
Weiterführende Literatur:
• Zahnmedizinischer Teil: Hellwig/Attin "Einführung in die Zahnerhaltung“
• Studien zu Karies und Stillen: Brian Palmer, Homepage: www.brianpalmerdds.com

Dr. Renz-Polster, Kinderarzt und Buchautor, zeigte auf, warum Kinder anders sind, als wir es manchmal erwarten. Die frühkindlichen Verhaltensweisen aus Sicht der evolutionären Verhaltensforschung besser verstehen, war sein Thema.  Welchen „Überlebenswert“ hatten die einzelnen frühkindlichen Verhaltensweisen – vom Schreien bis zur Regulation des Schlafs? Wie viel Nähe zur Bezugsperson können aus dieser Sicht als arttypischer Standard betrachtet werden? Gilt dieser Standard auch heute noch? Was sagt die heutige Verhaltens- und Hirnforschung zu den arttypischen Erwartungen des menschlichen Säuglings? Nachlesen können das Interessierte in seinem Buch: „Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt“, ihn erleben bei unseren Fachtagungen oder auf seiner Website schauen: www.kinder-verstehen.de

Luc Marlier, Doktorat in Neurowissenschaft, berichtete von seinen Forschungen am Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung in Straßburg (Frankreich). Er erforscht die sensorische und kognitive Entwicklung beim Kind, insbesondere während der Fetal- und Neonatalperiode. Man weiß inzwischen, dass alles zusammen kommt, dass der Fetus Gerüche im Fruchtwasser wahrnimmt und sich merken kann. Die Beobachtungen zeigen, dass das Neugeborene auf Fruchtwasser oder Kolostrum auf dieselbe Weise reagiert. Diese indifferente Reaktion ist nicht weiter verwunderlich, da beide Flüssigkeiten zahlreiche Aromen gemeinsam besitzen. Aber ab dem 4. Lebenstag entwickelt sich eine Vorliebe für den Geruch der Muttermilch. Wiederholt man diese Untersuchung mit Kindern, die mit künstlicher Säuglingsmilch ernährt werden, zeigen diese nicht dieselben Präferenzen: ab dem 4 Lebenstag folgen sie eher dem Geruch des Fruchtwassers als demjenigen der künstlichen Milch, die doch aber seit ihrer Geburt 5-6 mal tägl. ihre Bedürfnisse befriedigt hat. Und diese Präferenz bleibt auch nach einigen Wochen noch vorhanden, selbst auf Frauenmilch (Milch andere Mütter) reagieren sie interessierter als auf Flaschennahrung.
Es bleibt der in utero kennengelernte und gespeicherte Geruch attraktiver als der später nach der Geburt neu dazu gekommene. Ein weiterer Hinweis, dass Babys menschliche Milch bevorzugen würden – über lange Zeit nach der Geburt hinaus.

Die ILCA-Präsidentin Cathy Carothers, IBCLC – ILCA ist der Internationale Verband der Still- und Laktationsberaterinnen – stellte ein Projekt aus Amerika dar: „Die Wirtschaftlichkeit des Stillens für Arbeitgeber“. Studien zeigen, dass es auch für Unternehmen Vorteile bringt, für die beschäftigten Frauen Möglichkeiten zu schaffen, das Stillen aufrecht zu erhalten. Im Rahmen der US-Health Care Reform gibt es dazu verschiedene Empfehlungen für Unternehmen, Michelle Obama hat eine Initiative „Let´s move!“ gegründet, in der es um Gesundheit für Kinder geht – inklusive Stillen. Fakten und Zahlen erleichtern es Arbeitgeber, die Vorteile, die ihnen aus Förderprogrammen für Mütter entstehen, zu erkennen und umzusetzen. Eine von der Referentin durchgeführte Studie zeigte, dass die Kosten für Unternehmen geringer sind, wenn sie an einem Laktationsprogramm teilnehmen, da Mütter und Väter besser arbeiten können, Kinder sind gesünder und sich daraus a. 77% weniger Ausfallszeiten ergeben. Mehr unter www.babiesatwork.org

Dr. Tarané Probst, IBCLC – Präsidentin des Europäischen Verbandes der Still- und Laktationsberaterinnen VELB / ELACTA – referierte über „Stillen von älteren Kindern“. Die Bedeutung des längeren Stillens im Hinblick auf die langfristige Gesundheit für Mutter und Kind sind gerade für die moderne Gesellschaft wichtig, könnten damit doch unsere maroden Gesundheitssysteme in den Industrienationen entlastet werden. Es lohnt sich, dafür zu arbeiten, Kinder werden bei uns häufig nur „ultrakurz“ gestillt.