Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Galakotogen: der aktuelle Stand des Wissens

Anlage zum Newsletter Mai 2020

Oral galactagogues (natural therapies or drugs) for increasing breast milk production in mothers of non‐hospitalised term infants
Foong SC, Tan ML, Foong WC, Marasco LA, Ho JJ, Ong JH. Cochrane Database of Systematic Reviews 2020, Issue 5. Art. No.: CD011505. DOI: https://doi.org/10.1002/14651858.CD011505.pub2

Die Sorge von stillenden Müttern, nicht genug Milch zu produzieren, ist vermutlich so alt wie die Menschheit. In allen Kulturen gibt es daher überlieferte "Hausmittel" in Form von bestimmten Nahrungsmitteln, Kräuterzubereitungen o.ä., die die Milchproduktion ankurbeln sollen. Seitdem die Wissenschaft sich auch für diese Thematik interessiert, werden daher diese und andere vermeintlich wirksamen Galaktogogen untersucht.

Die Cochrane Database ist eine wertvolle Quelle, in der frei zugängliche Reviews und Meta-Analysen veröffentlicht werden,die den aktuellen Stand des Wissens zu einem bestimmten Thema abbilden und dazu die bereits vorhandenen Studien zu diesem Thema sichten. Kürzlich erschien dort ein zusammenfassendes Review, das sich mit der Wirksamkeit von Galaktogogen im außerklinischen Bereich bei Mutter-Kind-Paaren von reifgeborenen Kindern beschäftigt.

Die Forscher schlossen insgesamt 41 Studien ein, die die geforderten Qualitätsvorgaben erfüllten. Insgesamt war jedoch die Qualität der Studien nicht optimal, häufig weil bei der Gabe von Galaktogogum versus Placebo keine Verblindung erfolgte und weil die eingeschlossenen Studienteilnehmerinnen häufig sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbrachten (Alter, Bildungsstand, Anzahl der Kinder, optimale Stillunterstützung etc.).

Insgesamt war die Studienlage sehr unbefriedigend und wenn ein Galaktogogum als möglicherweise wirksam beschrieben wurde, waren diese Ergebnisse häufig nicht signifikant oder durch die Qualität der Studie nur von geringer Aussagekraft. Auch für pharmakologische Wirkstoffe wie z.B. Metoclopramid oder Domperidon waren nur Studien von geringer Aussagekraft verfügbar, außerdem konnte bisher allenfalls eine Wirkung auf die Milchmenge beim Pumpen festgestellt werden, nicht zur Frage, ob Frauen unter Anwendung des Galaktogogums länger und erfolgreicher stillten.

Die Forscher kommen zum Ergebnis, dass es mögliche Effekte auf die gepumpte Milchmenge und auf die Gewichtszunahme der Säuglinge geben könnte, dass diese aber durch die niedrige Studienqualität und die sehr heterogenen Studiengruppen derzeit nicht klar bezifferbar sind. Unklar bleibt auch, ob es zu negativen Effekten kommen kann (z.B. Nebenwirkungen). Sie rufen dazu auf, dringend qualitativ hochwertige Studien auf diesem Wissensfeld durchzuführen.

Das Review (englisch) kann kostenfrei und vollständig → hier nachgelesen werden.

Ergänzende Information:
Auch das 2018 zuletzt von der ABM überarbeitete → Protokoll Nr. 9 über Galaktogogen beschreibt die geringe Qualität der verfügbaren Studien und ruft dazu auf, dringend gute wissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen. Die ABM schlägt außerdem konkrete Maßnahmen vor, wie eine Mutter, die befürchtet, zu wenig Milch zu produzieren, sinnvoll begleitet werden sollte und welche Punkte abzuklären sind, bevor ein Galaktogogum zum Einsatz kommen sollte. Es darf nicht vergessen werden, dass die weitaus häufigsten Fälle von Schwierigkeiten durch "zu wenig Milch" durch mangelnde Information der Mutter und nicht optimalem Stillmanagement entstehen.

© Mai 2020, Anja Bier, IBCLC für den Newsletter des Europäischen Instituts für Stillen und Laktation

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