Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Bonding und Self-Attachment

Quellenangabe für die Fotos auf dieser Seite:
Anja Bier, Dreamstime/Petrina Calabalic, Fotolia/Kati Molin, Shutterstock/Michael de Nysschen, WHO/UNICEF-Initiative „Babyfreundlich"/Kerstin Pukall (www.pukall.de)

Bonding und Bindung - miteinander verknüpft, aber nicht dasselbe

Die wichtigste Aufgabe in der Stillberatung liegt darin, Mütter auf ihrem individuellen Weg zu begleiten und eine innige und sichere Bindung zwischen Mutter und Kind zu fördern. Unserem Handeln in den ersten Stunden unmittelbar nach der Geburt kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, da wir hier entscheidend zum Bindungsaufbau und einem gelingenden Stillstart beitragen.

Bonding im psychologischen Sinne, als die wachsende innige emotionale Bindung von Mutter und Kind, findet bereits in der Schwangerschaft und nach der Geburt auch weit über die ersten Stunden hinausgehend statt. Nach einer intensiven Phase des Kennenlernens über die ersten Wochen, die von ausgedehntem Blick- und Körperkontakt, zärtlichen Berührungen und aufmerksamer Kommunikation geprägt sind, entwickelt sich nach und nach eine stabile Bindung, die auch durch Krisen trägt und Mutter und Kind lebenslang miteinander verbindet.

Hormonelle Prozesse unterstützen den Bindungsaufbau postpartal

Mutter und Kind treten unmittelbar nach der Geburt in einen natürlichen Dialog ein, der die Oxytocin-Ausschüttung stimuliert und somit den Bindungsaufbau fördert. Dies geschieht z.B. über folgende Prozesse:

  • Intensiver Haut-zu-Haut- und Blickkontakt
  • Zärtliche Berührungen, streicheln
  • Suchende, stimulierende Laute des Kindes und direkte Reaktionen der Mutter in hoher Stimmlage
  • Ausgiebiges Riechen aneinander (Pheromone werden über die Nase aufgenommen, jeder Mensch strömt ein individuelles unverwechselbares Profil an verschiedenen Pheromonen aus)

Lesen Sie mehr über Oxytocin, das Bindungs- und Liebeshormon

Schwangerschaft, Geburt und Stillen stellen aus biologischer Sicht eine natürliche Einheit dar, die ab dem Moment der Entstehung des Embryos das sichere Gedeihen und Aufwachsen dieses Kindes zum Ziel hat. Es ist daher nicht erstaunlich, dass einige zentrale Hormone gleich mehrere miteinander verknüpfte Funktionen innerhalb dieses Prozesses übernehmen. Eine besonders herausragende Rolle nimmt dabei das Oxytocin ein.

Es wird im Körper der werdenden Mutter in Schüben/Wellen ausgeschüttet, wenn die Geburt beginnt. Es verursacht die Wehen und steigt unter der Geburt so stark an, dass der Oxytocinspiegel im Körper einer Frau zu keinem Zeitpunkt höher liegt, als unmittelbar postpartal.
Neben den erforderlichen Nachwehen, um die Plazenta auszustoßen und um die Gebärmutter-Rückbildung zu fördern, übenimmt Oxytocin ab der Geburt noch weitere Aufgaben: es ist auf physischer Ebene für den Milchspende-Reflex zuständig, der künftig die Ernährung des Säuglings sicherstellt, ist aber auch auf psychischer Ebene als Neurotransmitter von entscheidender Bedeutung beim Bindungsaufbau, indem es intensive Glücks- und Liebesgefühle auslöst.

Wichtig zu wissen: nur körpereigenes, von der Mutter selbst ausgeschüttetes Oxytocin kann die oben genannten psychischen Prozesse auslösen. Künstlich zugeführtes Oxytocin ist hingegen mit Risiken für die Mutter-Kind-Interaktion verknüpft und der Einsatz sollte stets sehr kritisch hinterfragt werden. Lesen Sie dazu auch unseren → Artikel aus 4/2018, der diese Thematik aufgreift.

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Im Folgenden verwenden wir den Begriff "Bonding-Phase" oder kurz "Bonding" wie es im peripartalen Sprachgebrauch üblich ist: er steht vereinfachend als Synonym für intensiven, ununterbrochenen Haut-zu-Haut-Kontakt zwischen Mutter und Kind in den ersten Stunden nach der Geburt.

Ununterbrochener Hautkontakt während der ersten Stunden

Sobald das Baby geboren ist, wird es unverzüglich im direkten Hautkontakt auf dem Bauch der Mutter platziert. Es wird mit trockenen warmen Tüchern zugedeckt und alle notwendigen Untersuchungen und Routine-Maßnahmen werden entweder direkt auf dem Körper der Mutter vorgenommen oder auf die Zeit nach der Bonding-Phase verschoben. Das Baby wird nicht gewaschen, angezogen oder eingewickelt.
Diese Phase des Hautkontakts wird über einen Zeitraum von mindestens einer Stunde oder bis zum ersten Stillen aufrecht erhalten und nur unterbrochen, wenn zwingende medizinische Gründe eine Trennung notwendig machen.

Die Auswirkungen dieses Vorgehens sind wissenschaftlich gut untersucht und werden auch in neueren Studien immer wieder bestätigt:

  • Das Neugeborene schreit weniger und verbraucht somit weniger Energie
  • Es hält seine Körpertemperatur besser
  • Sein Glukosespiegel im Blut ist stabiler
  • Es beruhigt und entspannt sich leichter
  • Alle Reflexe, die das Baby zum Stillen braucht, werden stimuliert
  • Die Mutter reagiert sensibler auf die Bedürfnisse ihres Kindes, was auch noch nach einem Jahr messbar ist

Die Bedeutung des ungestörten Bondings auf den erfolgreichen Stillbeginn ist besonders deutlich. Lesen Sie dazu auch unsere folgenden Artikel:

Auch wenn die Geburt per Sectio erfolgte und/oder das Kind zu früh geboren ist, ist es möglich, Mutter und Kind in intensiven und ausgedehnten Hautkontakt zu bringen. Lesen Sie dazu unseren wichtigen Artikel → Die Bedeutung des direkten Hautkontakts für ALLE Neugeborenen

Auswirkungen im Arbeitsalltag für das Personal

Wenn der Hautkontakt unterbrochen wird (auch nur für "ganz kurz"), hat dies messbare Auswirkungen:

  • verlängerte Plazentarperiode, höheres Atonierisiko
  • schlechtere Anpassung des NG (Blutzucker, Temperatur, Sauerstoffsättigung)
  • erschwertes erstes Stillen (schlechteres Saugen, kein selbständiges Finden zur Brust), insbesondere wenn auch PDA oder Schmerzmittel peripartal zum Einsatz kamen
  • erhöhtes Risiko für Stillprobleme in den ersten Tagen mit daraus folgender Erhöhung der Zufütterungsraten

Alle diese Faktoren haben nicht nur Auswirkungen auf Mutter und Kind, sondern bedeuten in Folge einen erhöhten Arbeitsaufwand für das Klinikpersonal, nicht nur unmittelbar im Kreißsaal, sondern auch in den folgenden Tagen.

Ein gelingender Stillstart bedeutet:

  • stabilere Blutzuckerwerte (=> Personal muss seltener kontrollieren, weniger eingreifen)
  • niedrigere Bilirubin-Werte (=> weniger Kontrollen notwendig, Phototherapie wird seltener benötigt)
  • weniger starker Gewichtsverlust des NG, Erhöhung der ausschließlichen Stillrate (=> seltener Zufütterung nötig, Personal muss weniger Zeit für Erklärungen und Kontrollen investieren, Eltern fühlen sich sicherer, Selbstvertrauen der Mutter wächst)
  • seltener pathologische Verläufe der Initialen Brustdrüsenschwellung ("Milcheinschuss") und seltener Wunde Mamillen (=> Personal muss weniger Zeit und Aufwand für intensive Stillberatung und Gegenmaßnahmen investieren)

Eine Veränderung der Strukturen und Routinen bedeutet eine Herausforderung für jedes Team. Gleichzeitig ist die Evidenzlage für dieses Vorgehen so klar und die Bedeutung des ununterbrochenen Hautkontakts so zentral, dass in jedem Haus interdisziplinäre Strategien entwickelt werden sollten, um die Umsetzung zu ermöglichen.

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Self-Attachment als logische Folge des Bondings

Der ununterbrochene Hautkontakt und eine möglichst interventionsarme Geburt gewährleistet, dass ein biologisch vorgesehener Prozess in Gang kommt, durch den das Neugeborene schließlich von selbst an die Brust findet und erstmals Kolostrum trinkt.

Das Neugeborene ist mit verschiedenen Reflexen ausgestattet, die es ihm ermöglichen, selbständig auf dem Bauch/ Brustbereich der Mutter die Brust zu finden (durch riechen, sehen und ertasten), sich dorthin zu orientieren und seine Position zu verändern (durch robben, krabbeln, sich abstoßen) und sich schließlich an der Brust anzudocken (Suchbewegungen, Mundöffnung, Saugschluss). Dieser Prozess findet typischerweise in 9 Stadien/ Schritten statt und wird im englischen oft als "Self-Attachment" oder auch "Breast-Crawl" bezeichnet.

Die 9 Stadien nach Widström umfassen:

  • 1. Das erste Schreien nach der Geburt – erleichtert die Ausdehnung und Belüftung der Lunge.
  • 2. Entspannungsphase – das Baby liegt ruhig auf der Mutter, es macht keine Mundbewegungen, Hände bleiben ruhig und entspannt.
  • 3. Erwachen – nach ca. drei Minuten, das Baby macht erste kleine Bewegungen mit Kopf und Schultern.
  • 4. Aktivität – erste Mund- und Saugbewegungen sind zu beobachten, das Baby öffnet seine Augen, schaut die Mutter an, macht erste Suchbewegungen, der Rooting-Reflex wird deutlicher
  • 5. Ruhephasen – sind zwischen den aktiven Phasen immer wieder zu beobachten
  • 6. Krabbeln und Robben – nach ca. 35 Minuten beginnt es, mit Krabbelbewegungen die Mamille und Areola zu suchen, es gibt dabei auch kleine Laute von sich
  • 7. Kennenlernen, Gewöhnen – es berührt und massiert vermehrt die Brust, führt die Hand zur Mamille und wieder zum Mund, macht Suchlaute, streckt die Zunge heraus und schleckt an Areola und Mamille. Es reagiert mit Blickkontakt auf Stimme und Aktivitäten von Mutter und Vater
  • 8. Saugen – durchschnittlich nach 1 Stunde pp erreicht das Baby die Brust, dockt selbständig an und beginnt zu saugen. Wenn die Mutter während der Geburt Medikamente erhalten hat, dauert dies oft länger
  • 9. Schlafen – 1,5 - 2 Stunden nach der Geburt schläft das Baby meist entspannt ein, oft auch die Mutter.

Die folgenden frei verfügbaren Videos verdeutlichen den Prozess und zeigen die verschiedenen Stadien:
→ Global Health Media Project: Early Initiation of Breastfeeding
→ Jennifer Pitkin: Breastcrawl

Dieser natürliche Prozess ist ausführlich wissenschaftlich untersucht und beschrieben worden. Eine aktuelle, umfassende und vollständig frei zugängliche Publikation dazu finden Sie hier:
→ Skin‐to‐skin contact the first hour after birth, underlying implications and clinical practice

Eine ausführliche Übersicht über verschiedene wissenschaftlich belegte Zusammenhänge zwischen ununterbrochenem Hautkontakt, dem selbständigen Finden zur Brust und den verschiedenen physiologischen Parametern des Neugeborenen findet sich hier:
→ Breast Crawl: A scientific overview

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  • dreamstimesmall_18287236© Petrina Calabalic

Fortführung als Intuitives Stillen

Wenn Bonding und Self-Attachment abgeschlossen sind, werden Mutter und Kind optimalerweise im direkten Hautkontakt belassen und gemeinsam auf die Wochenstation verlegt. Dort kann der Hautkontakt weiterhin über lange Perioden aufrecht erhalten und/oder jederzeit nach Unterbrechungen wieder hergestellt werden. Dies ist besonders sinnvoll bei auftretenden Stillproblemen und bei sogenannten Late-Preterm- oder Nearly-Term-Neugeborenen, die häufig sehr schläfrig sind und vom intensiven Hautkontakt besonders profitieren.

Als Stillposition für die gesamten ersten Tage und Wochen ist die zurückgelehnte Position, in der das Kind durch die Schwerkraft unterstützt auf dem Körper der Mutter ruht und selbst aktiv zur Brust findet, die natürliche und logische Fortsetzung der Bondingphase in den ersten Stunden. Dies wird im Englischen als "Natural Nursing" oder "Biological Nurturing" bezeichnet, im Deutschen verwenden wir den Begriff Intuitives Stillen.

In Kürze werden wir hierzu vertiefende Informationen auf einer eigenen Fachseite zur Verfügung stellen - schauen Sie wieder vorbei!

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