Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Coronavirus/ COVID-19 und Stillen: Aktuelle internationale Empfehlungen

Anlage zum Newsletter März 2020

Erste Version dieses Artikels: 04.03.2020, letzte Aktualisierung: 23.03.2020

COVID-19 verbreitet sich weltweit rasch und hat auch in den deutschsprachigen Ländern bereits zu großen Veränderungen unseres Alltags geführt. Als medizinisches Fachpersonal stehen wir nun immer häufiger vor der Situation, dass wir Schwangere oder Stillende begleiten, die mit COVID-19 infiziert sind oder als Kontaktperson eines Infizierten gelten und somit als Verdachtsfall eingestuft werden.

In diesem Artikel, der regelmäßig aktualisiert wird, fassen wir den aktuellen Stand der Empfehlungen international anerkannter Gremien auf deutsch zusammen und listen relevante Quellen auf, die Ihnen für tiefergehende Informationen zur Verfügung stehen.

Zum Schutz des medizinischen Betreuungspersonals soll der Kontakt mit unter Verdacht stehenden oder sicher infizierten Schwangeren und Stillenden nach Maßgabe der aktuellen Empfehlungen für die Betreuung solcher Patienten erfolgen (Schutzkleidung, Isolierzimmer etc.) – informieren Sie sich dazu z.B. beim → Robert-Koch-Institut (RKI) in Deutschland oder beim US-amerikanischen → Center for Disease Control (CDC).

Zur Zeit ist eine breite wissenschaftliche Evaluation speziell für Schwangere und Stillende noch nicht möglich, da noch keine ausreichenden Fallzahlen beschrieben sind und zudem Vieles über das verursachende Virus und mögliche Verläufe noch nicht bekannt ist. Aus früheren Untersuchungen zu SARS und MERS, die mit COVID-19 verwandte Erreger aufweisen, werden in Kombination mit den bisherigen Erkenntnissen zur aktuellen Erkrankung vorläufige Einschätzungen vorgenommen, die stetig angepasst werden.

Wir beziehen uns in unserer untenstehenden Zusammenfassung auf folgende Quellen:

Stillende Frauen (nach den ersten Tagen)

Bisher sind keine Fälle beschrieben, in denen der Erreger in Muttermilch gefunden wurde, eine Übertragung durch das Stillen ist daher unwahrscheinlich. Die Übertragung erfolgt typischerweise über Mund/Nase und Augen sowie Stuhl/Urin (selten).

Eine stillende Mutter, die als Verdachtsfall gilt oder bestätigt mit COVID-19 infiziert ist, sollte Maßnahmen treffen, um eine Übertragung auf ihr Kind zu vermeiden, ohne das Stillen zu beenden. Dazu gehört:
• gründliches Händewaschen/ Desinfizieren vor dem Stillen
• Tragen eines geeigneten Mundschutzes

Ein Weiterstillen ist möglich. Sofern sich die Mutter nicht dazu in der Lage fühlt, kann sie Muttermilch abpumpen und diese kann durch eine gesunde Betreuungsperson ohne Einschränkung verfüttert werden.
Wenn die Mutter Milch abpumpt, ist auf intensive Handhygiene zu achten, Gefäße und Pump-Sets sollten nach jedem Gebrauch sterilisiert werden.

Schwangere und Peripartum-Management

Grundsätzlich ist zu unterscheiden, ob es sich bei der Schwangeren um einen Verdachtsfall oder um eine bereits bestätigte Infektion handelt. Wenn eine bislang nicht getestete, aber unter Verdacht stehende werdende Mutter in die Geburt eintritt, ist es dringend notwendig, so rasch als möglich eine Testung und Abklärung durchzuführen. Wenn eine Infektion ausgeschlossen werden kann, bedeutet dies für Mutter, Kind und auch das betreuende Personal eine enorme Erleichterung der Situation.

Eine Übertragung durch die infizierte Schwangere auf das ungeborene Kind im Mutterleib ist unwahrscheinlich, bisher sind keine derartigen Fälle beschrieben worden. Schwangere scheinen im Grundsatz nicht häufiger oder schwerer von der Infektion betroffen zu sein als andere Bevölkerungsteile in vergleichbarem Alter und Gesundheitszustand. In früher beschriebenen Fällen (SARS und MERS) kam es allerdings häufiger zu Frühgeburten.

Der Geburtsmodus sollte anhand geburtshilflicher Indikationen und dem Wunsch der Frau individuell festgelegt werden. WHO und DGGG empfehlen, eine Sectio nur durchzuführen, wenn dies medizinisch notwendig ist, z.B. bedingt durch den Gesundheitszustand der Mutter.

Wenn eine infizierte Mutter entbindet und somit isoliert wird, wird im Normalfall das Kind mit ihr gemeinsam im Rooming-In verbleiben und sie wird ohne Einschränkung mit dem Stillen beginnen. In diesem Fall sollte die Mutter sorgfältig alle notwendigen Hygiene-Maßnahmen beachten, um die Ansteckungsgefahr für das Kind zu minimieren, insbesondere muss sie bei jedem Kontakt zum Kind einen Mundschutz tragen.

Wenn die Mutter so krank ist, dass sie sich nicht selbst um das Kind kümmern kann, sollte das Neugeborene, nach Abwägung der individuellen Situation und den vorhandenen Optionen vor Ort, temporär von ihr getrennt und als Kontaktperson eines COVID-19-Falls eingestuft werden.
Momentan beinhalten die Empfehlungen, dass es in diesem Fall bis zum Abschluss der Testung, ob es selbst infiziert ist, von gesunden Angehörigen oder medizinischem Personal ebenfalls nur in Schutzkleidung betreut werden darf. Im Interesse des Neugeborenen ist es daher wichtig, eine rasche Testung vorzunehmen.

Nachdem Muttermilch nicht selbst als Überträger des Virus beschrieben wurde, kann die Mutter bei einer Trennung ihre Muttermilch abpumpen und die Milch kann dem Baby uneingeschränkt gegeben werden. Beim Abpumpen sind besondere Hygienemaßnahmen zu beachten (s.o.). Sobald die Mutter nicht mehr ansteckend ist, kann sie zum direkten Stillen an der Brust übergehen.

© März 2020, Anja Bier (IBCLC) für den Newsletter des Europäischen Instituts für Stillen und Laktation, Mitarbeit: Gabriele Nindl, IBCLC und Gudrun von der Ohe, IBCLC und Ärztin

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