Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Wunde Mamillen (Wunde Brustwarzen)

Quellenangabe für die Fotos auf dieser Seite:
C. Dörr, A. Hemmelmayr, S. Koch, G. Nindl und Breastfeeding Atlas (3. Auflage, 2005)

HINWEIS
Diese Fachseite ist nicht mehr ganz aktuell und wird in Kürze überarbeitet. Bitte schauen Sie bis Ende November wieder vorbei.

Ein verbreitetes Problem

Wunde Mamillen gehören zu den häufigsten Stillproblemen, wobei eine etwas erhöhte Sensibilität in den ersten Tagen normal zu sein scheint. Bei guter Anlegetechnik und Pflege werden diese Schwierigkeiten jedoch im Allgemeinen rasch überwunden.
Was aber, wenn dies nicht gelingt?

Schmerzen erhöhen das Risiko für frühzeitiges Abstillen um das 14-fache, wie eine Studie von K. Schwartz et al. 2002 belegte. Zudem können schmerzende Mamillen zu Nachfolgekomplikationen führen – offene Risse sind Eintrittspforten für Erreger und gehen häufig Mastitiden voraus. Die Bayerische Stillstudie von Kohlhuber et al. 2007 stellte als zweithäufigste Ursache für das Abstillen innerhalb der ersten beiden Monate "Wunde Mamillen" fest, auch in den Lansinoh-Stillumfragen 2014 und 2015 wird der Punkt "Schmerzen beim Stillen" weltweit als eine der größten Herausforderungen für eine erfolgreiche Stillbeziehung benannt.

  • 003-3.JPG-G.Nindl - Ausschnitt
    7. Tag pp, infizierte Mamille
  • IMG-0346.JPG-G.Nindl - Ausschnitt
    Sehr große, weit eingezogene Mamille - sehr wund, blutig, schmerzhaft

Mögliche Ursachen

  • Fehler beim Anlegen (nach wie vor häufigste Ursache!)
  • Zu wenig Brustgewebe im Mund, Kind saugt nur an der Mamille (häufig bei starker Brustschwellung während des Milcheinschusses)
  • Starke Kompression der Kiefer mit fehlender Entlastung des Gewebes und gleichzeitig fehlendem Milchfluss
  • Schlechte Durchblutung oder mangelnde Elastizität der Mamille
  • Zu kurzes kindliches Zungen- oder Lippenbändchen, abnorme Gaumenformen
  • Mangelnde Handhygiene, mangelnde Hygiene mit Stilleinlagen, Feuchtigkeit, Stauwärme
  • Inkorrekter Gebrauch einer Milchpumpe (z.B. falsche Trichtergröße)
  • Inkorrekte Verwendung von Stillhütchen
  • Infektion mit Candida albicans (Soor)

Prävention und Lösungsansätze/ Beratungsstrategien

  • Wichtigste Maßnahme: korrektes Anlegen und Positionieren
  • Formen und Unterstützen der Brust bei Bedarf
  • Rasches Auslösen des Milchspendereflexes, evtl. schon vor dem Anlegen
  • Wechselnde Stillpositionen zur Entlastung
  • Gutes Management der Initialen Brustdrüsenschwellung
  • Stillen nach Bedarf
  • Hygiene und korrekte Pflege der Mamillen (Milch auftragen und trocknen lassen, bei leichter Reizung hochgereinigtes Wollfett dünn auftragen)
  • Brustmassagetechniken zur Erleichterung des Anlegens bei starker initialer Brustdrüsenschwellung sowie zur Anregung des Milchflusses vor dem Anlegen

Wenn es doch zu Reizungen und Wundsein gekommen ist, sollten vor jeder weiteren Maßnahme folgende Punkte sichergestellt werden:

  • Kontrolle von Anlegen und Position
  • Milchspendereflex auslösen
  • Stillpositionen wechseln
  • Zuerst auf der Seite anlegen, die weniger stark betroffen ist
  • Stillen nach Bedarf, lange genug anlegen, häufig genug anlegen
  • Kein einengender BH, keine Stilleinlagen
  • Evtl. übergangsweise Einsatz von Schmerzmitteln
  • In seltenen Fällen Stillpause mit vorübergehendem Einsatz einer Pumpe bzw. Entleeren der Brust von Hand

Therapie

Zur Behandlung von wunden Mamillen gibt es unzählige "Geheimtips", die jedoch häufig leider mehr schaden als nützen - Cremes, die man vor dem Stillen wieder abwischen muss und dadurch die Mamille noch mehr reizt, austrocknende Verfahren, die die Haut noch spröder und rissiger machen, etc.

Wunde Mamillen, insbesondere offene Risse, sollten wie andere Wunden auch mit einem korrekten Wundmanagement nach neuesten Erkenntnissen behandelt werden, was zu einem schnelleren Heilungserfolg beiträgt und das Risiko einer Infektion verringert.

Die folgende Vorgehensweise beruht auf evidenzbasierten Erkenntnissen, die wir durch eigene Erfahrungen der letzten Jahre bestätigen können.
Wir empfehlen, nach dem Stillen folgende Maßnahmen durchzuführen:

1. Reinigung der Wunde:
Zell- und Plasmabestandteile, Bakterien und Zerfallsprodukte entfernen

  • Spülung mit physiologischer Kochsalzlösung
  • Im häuslichen Bereich regelmäßiges Abwaschen mit warmem Wasser und Seife
  • Evtl. (v.a. bei Entzündungszeichen) Spülung mit Desinfektionsmittel, z.B. Octenisept®

2. Pflegemaßnahmen:
Wundabdeckung zum Erhalt des physiologischen Milieus (feuchte Wundheilung), Schutz vor weiteren Reizen (Druck, Reibung, Hitze, Kälte)

  • Salbenverband mit hochgereinigtem Wollfett/ Lanolin, dick aufgetragen
  • Evtl. Multimam-Kompressen (Aloe vera)
  • Hydrogel-Kompressen sind wegen schwieriger Hygiene-Bedingungen eher zu meiden
  • Schutz der Mamille durch Auflage von "Wiener Brust-Donuts"
  • Evtl. begleitend Lasertherapie durch entsprechende Fachkraft

3. Zusätzliche Maßnahmen bei Infektion/ schlechter Heilung

  • Bei Infektion ist eine orale Antibiose in Kombination mit antibiotischer Salbe indiziert, z.B. Bactroban® (Walker, 2016: 593)
  • Bei Verdacht auf bakterielle Mischinfektion: Kombination aus Antimykotikum und Antibiotikum, z.B. Creme nach Cordes® oder Decoderm®comp Creme, ebenfalls möglich: Jack Newman's all-purpose nipple-ointment (Lauwers & Swisher, 2016: 382)
  • 008-8.JPG-G.Nindl - Ausschnitt
    Wunde Mamille über Wochen mit Infektion der ganzen Brust, zusätzlich Vasospasmus, der die Heilung erschwert
  • 010-10.JPG-G.Nindl - Ausschnitt
    Gleiche Brust wie voriges Bild, deutliche Besserung nach systemischer Antibiose und lokaler Behandlung - vollständige Ausheilung nach 3 Wochen
  • 100-2216.jpg-S.Koch - Ausschnitt
    Schwangere Frau, Hyperkeratose und entzündete Risse am Mamillenansatz
  • Nach-Behandlung-S.Koch - Ausschnitt
    Gleiche Brust wie voriges Bild - nach Behandlung mit Wollfett und Creme n. Cordes® vollständige Ausheilung

Die unter Punkt 2 erwähnten "Wiener Brust-Donuts" können leicht in der Klinik oder auch zuhause selbst gebastelt werden und bieten einen angenehmen, saugfähigen Schutz vor weiterer Belastung der Mamille. Die Anleitung zum Nachbau stellen wir Ihnen hier zum Download zur Verfügung:

2013 wurde von den deutschen Fachgesellschaften erstmals eine konsens- und evidenzbasierte AWMF-Leitlinie zur Behandlung von Wunden Mamillen, Milchstau und Brustentzündung in der Stillzeit veröffentlicht. Als S3-Leitlinie erfüllt sie dabei die höchsten Qualitätsanforderungen und dient als Handlungsempfehlung für alle Berufsgruppen, die mit stillenden Müttern arbeiten:

Umgang mit Stillhütchen

Kontrovers wird immer wieder die Verwendung von Stillhütchen zur Prävention oder Behandlung von wunden Mamillen diskutiert. Nach unserer Erfahrung schaffen Stillhütchen häufig mehr Probleme als sie lösen und sollten daher nur in seltenen Fällen eingesetzt werden. Bevor jedoch eine Mutter nicht mehr anlegen oder das Stillen beenden möchte, können sie eine gute Hilfestellung sein. Keinesfalls kann das routinemäßige Verteilen von Stillhütchen eine kompetente und einfühlsame Stillberatung ersetzen.

Falls Stillhütchen im Einzelfall verwendet werden, ist es unerlässlich, dass die korrekte Größe, ein guter Sitz und die richtige Anwendung kontrolliert werden und dass das Kind mit dem Hütchen genauso gut angelegt wird wie dies normalerweise der Fall wäre (viel Brustgewebe im Mund, Nase und Kinn berühren die Brust). Außerdem ist eine engmaschigere Gewichtskontrolle des Kindes zu empfehlen.

  • Breastfeeding_Atlas_2005-wrong-way
    Inkorrektes Anlegen, ineffiziente Trinktechnik
  • C.Dörr - Ausschnitt
    Korrekte Anlegetechnik, guter Sitz

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