Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Begleitung von Frauen, die ihr Kind mit der Flasche füttern

Quellenangabe für die Fotos auf dieser Seite:
AdobeStock/ Fotolia: Andrey Arkusha, Andrey Kiselev, Kati Finell, Oksana Kuzmina, Günter Menzl, morrowlight, nuzza11, Tomasz Trojanowski; Shutterstock: Alena Ozerova

Auch Familien, die mit der Flasche füttern, haben viele Fragen

Ausschließliches Stillen ist die internationale Empfehlung für die ersten 6 Lebensmonate und über 90% aller Schwangeren planen auch, dieses Ziel umzusetzen. Laut KIGGS-Studie (2018) werden nur rund 40% der Säuglinge in Deutschland mit 4 Monaten noch ausschließlich gestillt. Dies bedeutet, dass ein großer Anteil an Babys zumindest einen Teil ihrer Nahrung bereits in den ersten Monaten über die Flasche zu sich nimmt.

Damit ergeben sich für junge Familien viele Fragen: welche Flaschen und Sauger sollen wir verwenden? Falls keine abgepumpte Muttermilch verfüttert wird, welche Formulanahrung sollen wir unserem Kind geben? Wie häufig soll das Baby gefüttert werden, welche Portionsgrößen benötigt es und was mache ich, wenn das Baby nicht alles austrinkt? Welche Hygiene-Maßnahmen muss ich treffen? Braucht mein Baby einen Schnuller, wenn es nicht oder nur selten gestillt wird?

Als Fachkräfte sind wir auch in die Betreuung teil-stillender und nicht-stillender Mütter eingebunden. Somit benötigen wir umfassendes und kompetentes Wissen für die Beantwortung ihrer Fragen und um sie dabei zu begleiten, eine innige Bindung zum Baby aufzubauen. Diese Fachseite soll Sie dabei unterstützen.

  • AdobeStock_85684151_AndreyKiselev
  • AdobeStock_5416269_KatiFinell

Achtsames, bindungsorientiertes Flaschenfüttern nach Bedarf

Ein Stillkind kann durch sein Saugverhalten an der Brust selbst regulieren, wann es hauptsächlich nutritiv und wann eher non-nutritiv saugen möchte. Stillmahlzeiten verlaufen typischerweise in Form eines mehrgängigen "Menüs", mit kleinen Pausen zwischen den einzelnen Gängen, verschiedenen Appetithappen, großen Hauptgängen und genüßlichen Dessert-Löffeln in unterschiedlichen Aneinanderreihungen und Intensitäten. Stillen dient nie allein nur der Nahrungsaufnahme, sondern ist mit Trost, Nähe, Beruhigung und Einschlafbegleitung verknüpft

Dieses physiologische Verhalten an der Flasche nachzubilden, ist nicht einfach, da jegliches Saugen an der Flasche normalerweise zu einem stetigen Milchfluss führt und selbst Pausen häufig dazu zwingen, weiterhin zu schlucken, weil Milch in den Mund tropft. Zudem passiert es leicht, dass das Kind aktiv zum Weitertrinken animiert wird, auch wenn es Anzeichen macht, pausieren zu wollen. Andererseits kann ein Bedürfnis nach einer Pause wiederum fälschlich als Zeichen dafür interpretiert werden, dass das Kind satt ist und dazu führen, dass die Flaschenmahlzeit beendet wird, obwohl das Baby noch nicht bereit dazu war.

Immer mehr Eltern bemühen sich bewusst darum, auch die Flaschengabe so physiologisch wie möglich zu gestalten und intensiv auf die Zeichen ihres Kindes zu achten. Diese Methode, im Englischen "responsive feeding" genannt, bezieht sich sowohl darauf, dass allgemein nach Bedarf des Kindes gefüttert wird (also in unregelmäßigen Abständen und mit unterschiedlichen Mengen, ähnlich wie bei Stillmahlzeiten) als auch darauf, dass während der einzelnen Flaschenmahlzeit die Zeichen des Kindes respektiert werden und mit kleinen Pausen und viel Zuwendung gefüttert wird. Im Deutschen verwenden wir den Begriff "achtsames, bindungsorientiertes Flaschenfüttern nach Bedarf".

Da vermutet wird, dass die klassische Methode des Flaschenfütterns (Animieren zu zügigem Austrinken der Flasche) auch zum erhöhten Risiko für Übergewicht beiträgt, das Flaschenkinder gegenüber Stillkindern ein Leben lang tragen, gelangt dieses Thema zunehmend ins Bewusstsein der Forschung. Es gibt zwischenzeitlich erste Studien, die interessante Ergebnisse in diesem Zusammenhang erbracht haben:

Studien: Schwere, nicht-transparente Flaschen fördern das Achten auf die Zeichen des Kindes

A pilot study comparing opaque, weighted bottles with conventional, clear bottles for infant feeding
Ventura, Alison K and Rebecca Pollack Golen. Appetite vol. 85 (2014): 178-84. DOI: 10.1016/j.appet.2014.11.028

Effects of opaque, weighted bottles on maternal sensitivity and infant intake
Ventura, AK, Hernandez, A. Matern Child Nutr. 2019; 15:e12737. DOI: https://doi.org/10.1111/mcn.12737


In diesen beiden Studien wurden undurchsichtige, schwere Flaschen eingesetzt, die durch ihre Beschaffenheit verschleiern, wieviel Milch noch in der Flasche verblieben ist. Es wurde gezeigt, dass insbesondere Mütter, die ihr Kind sonst eher zum Weiter- und Austrinken der Flasche drängten, mit diesen speziellen Flaschen weniger dazu neigten und deutlich besser auf die Zeichen ihres Kindes achteten. Allgemein tranken die Kinder mit diesen Flaschen etwas weniger als in den üblichen klaren Flaschen aus leichtem Kunststoff, was darauf hindeutet, dass Eltern beim Füttern mit den klassischen Flaschen dazu neigen, sie häufig etwas über die Sättigungszeichen des Kindes hinaus zu füttern.

Körperkontakt und Bindungsförderung

Beim Stillen sind Nahrungsaufnahme, Trost, Bindungsstärkung und Körperkontakt stets untrennbar miteinander verbunden. Die Flaschengabe sollte sich an diesem Komplex orientieren und Eltern sollten dazu angehalten werden

  • die Flasche stets im engen Körperkontak zu geben, wenn möglich auch immer wieder im direkten Hautkontakt (mit nacktem Oberkörper, Kind nur in der Windel)
  • dabei häufig Blickkontakt mit ihrem Baby herzustellen
  • auf die kleinen Zeichen zu achten, die anzeigen, dass das Baby eine Pause braucht
  • sich für jede Flaschenmahlzeit Zeit zu nehmen
  • das Baby zum Füttern in einer aufrechten Position zu halten
  • nach ca. der Hälfte der Mahlzeit das Baby von einem Arm auf die andere Seite zu wechseln
  • hauptsächlich selbst das Baby zu füttern und nur selten andere Betreuungspersonen die Flasche geben zu lassen
  • So_bitte_nicht
  • Fotolia_14415923_M_Günter Menzl

Da Säuglinge neben dem nutritiven auch ausgiebiges non-nutritives Saugen brauchen, benötigen Babys, die häufig oder ausschließlich mit der Flasche gefüttert werden, einen Schnuller, um dieses Bedürfnis zu befriedigen (z.B. wenn ein Baby nach der Flaschenmahlzeit noch unruhig ist).

Der Schnuller sollte nicht als erste und einzige Beruhigungsmaßnahme eingesetzt werden, auch hier gilt, dass Körperkontakt und Tragen/Schaukeln Mittel der ersten Wahl sind, die durch den Schnuller ergänzt werden.

Zur Form und Größe des Schnullers empfehlen wir Ihnen das folgende Informationsblatt der Logopädin Mathilde Furtenbach, das sie gemeinsam mit der Universität für Pädiatrie in Innsbruck erarbeitet hat und das sich auch zur Weitergabe an Eltern eignet:

Weitere Informationen zum Einsatz von Schnullern, insbesondere bei (teil-)gestillten Kindern, erhalten Sie auf unserer Fachseite:

  • AdobeStock_164027935_morrowlight
  • Fotolia_51167806_M_OksanaKuzmina

Praktische Tipps und Hinweise

Neben den Fragen zu Bindung und Bedürfnisorientierung geht es auch um ganz praktische Dinge, wenn junge Familien uns um Rat bitten. Hier einige Hinweise, die Eltern, die ihr Kind mit der Flasche füttern, benötigen:

  • Die gesamte Zeit über sollte ein Flaschensauger in der kleinsten Größe verwendet werden (Neugeborenen-Sauger). Nach den ersten Wochen kann bei Bedarf ein größeres Saugerloch/mehrere Löcher gewählt werden, ohne dass dabei die Größe des Saugers zunehmen sollte.
  • Flaschensauger sollten aus möglichst weichem Material bestehen, symmetrisch/rund sein (keine Abschrägungen) und eine breite Lippenauflage bieten (Weithals-Sauger)
  • Flaschen und Sauger müssen im häuslichen Bereich nicht ausgekocht oder sterilisiert/vaporisiert werden, die tägliche Reinigung in der Spülmaschine ist ausreichend
  • Es ist physiologisch, dass Säuglinge häufig und in kleinen Portionen trinken. Eine Frequenz von insgesamt ca. 8 - 12 Mahlzeiten täglich ist zu erwarten.
  • Wenn Muttermilch gefüttert wird, sind Portionsgrößen zwischen ca. 60 und 120 ml sinnvoll.
  • Falls Formulanahrung verwendet wird, sollten die Portionsgrößen, die auf der Packung für die ersten Wochen angegeben sind, über die gesamte Zeit beibehalten werden - häufige kleine Mahlzeiten sind sinnvoller als seltene große Mahlzeiten.
  • Eine Flaschenmahlzeit dauert in den ersten Wochen durchaus 20 - 30 Minuten oder länger. Das Baby wird immer wieder kleine Pausen einlegen und dann weitertrinken. Dies ist physiologisch.
  • Frisch zubereitete Formulanahrung kann ca. eine Stunde lang verwendet werden (z.B. wenn das Baby zwischendurch pausiert). Anschließend noch vorhandene Reste sollten weggegossen werden.
  • Viele Babys akzeptieren problemlos auch Nahrung bei Zimmertemperatur. Ein mehrmaliges Erwärmen ist nicht notwendig und aus hygienischen Gründen auch nicht zu empfehlen.

Zur Beschaffenheit eines Flaschensaugers gibt es, ebenso wie für den Schnuller, ein Informations- und Empfehlungsblatt von Mathilde Furtenbach und der Universität Innsbruck, das auch an Eltern weitergegeben werden kann:

Wenn eine Formulanahrung verwendet wird, benötigen junge Familien grundlegende Informationen zur Zubereitung und zu den Unterschieden der verschiedenen Säuglingsnahrungen. Die Handlungsempfehlungen des deutschen Netzwerks "Gesund ins Leben" zu diesem Thema sind hilfreich für Fachpersonal:

Weitere Hinweise zur Zusammensetzung von Formulanahrung und möglichen Risiken finden Sie auf unserer Fachseite

Informationsmaterialien für Eltern

Junge Familien sollten unabhängig von der Wahl der Ernährung ihres Säuglings zu den Grundlagen eines bindungsorientierten Umgangs mit ihrem Baby informiert werden. Dazu gehört, dass intensiver Haut- und Körperkontakt zwischen Eltern und Kind gefördert wird, frühe Signale des Säuglings beachtet werden (Hunger-/Stillzeichen kennen, prompt reagieren) und eine differenzierte, feinfühlige Kommunikation unterstützt wird.
Außerdem benötigen sie Informationen zur Zubereitung und zum praktischen Umgang mit der Flaschennahrung.

Die folgenden Materialien können junge Familien dabei unterstützen:

Weitere Informationen auf Englisch (insbesondere Videos sind auch ohne Englischkenntnisse hilfreich):

  • Fotolia_50745311_M_ShchipkovaElena
  • AdobeStock_184511075_OksanaKuzmina

Stillen fördern

Stillen fördern
Stillen fördern

Mit Ihrer Hilfe können wir fundiertes Fachwissen und nützliche Dokumente für die Praxis weiterhin kostenfrei auf unserer Webseite zur Verfügung stellen.Spenden