Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Schnuller – Pro und Contra

Quellenangabe für die Fotos auf dieser Seite:
baby-sleeping, Fotolia, shutterstock

Der Einsatz eines Schnullers für Stillkinder ist umstritten. StillexpertInnen betrachten ihn meist kritisch, manche Mediziner halten ihn für unverzichtbar und die Industrie hat ein großes Interesse am Verkauf – in diesem Spannungsfeld bewegen sich junge Eltern, die sich für oder gegen einen Schnuller entscheiden. Wir möchten Ihnen mit dieser Seite einen Überblick über den aktuellen Stand der Wissenschaft, praktische Tipps und Erfahrungsberichte sowie fachliche Stellungnahmen geben.

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    Saugen ist ein Grundbedürfnis aller Babys
  • Auch Tragen beruhigt und gibt Sicherheit

Saugbedürfnis

Als gesichert gilt, dass Säuglinge ein grundsätzliches Saugbedürfnis haben, das über die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme hinaus geht (man beachte das deutsche Wort "Säugling"!). Saugen beruhigt und wirkt schmerzlindernd, hilft beim Einschlafen, tröstet und erleichtert die Aktivierung des Verdauungssystems.

Insofern ist es nicht überraschend, dass Säuglinge schon früh beginnen, an ihren eigenen Händen/Fingern, an den Fingern ihrer Bezugspersonen und im Weiteren auch an anderen Objekten (z.B. den Schlappohren des Kuscheltiers, Bettdeckenzipfeln, Schmusetüchern usw.) zu saugen. Bereits im Mutterleib werden einige Föten beim Daumenlutschen beobachtet.

Die Fragen, die sich nun stellen: Sollen wir Babys einen Schnuller geben, um dieses Saugbedürfnis zu befriedigen? Welche Risiken bringt das mit sich und wo liegen die Vorteile gegenüber dem vom Kind selbstgewählten Objekt (z.B. Daumen)?

Die folgenden Informationen zur Studienlage beziehen sich auf Babys, die ausschließlich oder überwiegend gestillt werden und wo der Einsatz eines Schnullers kritisch abgewogen werden muss.
Für ein Kind, das ausschließlich mit der Flasche gefüttert oder nur selten gestillt wird, ist der Einsatz eines Schnullers sinnvoll und zu empfehlen. Beachten Sie hierzu auch unsere Fachseite

Der Stand der Wissenschaft

Bis heute ist die Datenlage zum Schnuller nicht eindeutig. Nahezu alle Studien leiden unter einem zu undifferenzierten Studiendesign, so dass bestimmte Fragestellungen nicht befriedigend geklärt werden können.

Beispiele hierfür:

  • In älteren Studien wurde häufig nicht zwischen gestillten und nicht-gestillten Kindern unterschieden. Jüngere Studien unterscheiden noch immer nicht ausreichend zwischen ausschließlich gestillten und teilgestillten Kindern und viele Studien enden im Alter von wenigen Monaten, so dass über die Langzeitauswirkungen auf das Stillen, den Zeitpunkt der Beikosteinführung oder andere Faktoren kaum Aussagen getroffen werden können.
  • Das Ausmaß der Schnullernutzung ist oft nicht klar differenziert dargestellt: Verwenden die Eltern den Schnuller nur zum Einschlafen/ in der Nacht oder auch tagsüber zu verschiedenen Gelegenheiten? Wird er regelmäßig zur Beruhigung eingesetzt oder nur in Ausnahmefällen verwendet? Versuchen die Eltern, ihr Kind zunächst mit anderen Mitteln zu beruhigen (Körperkontakt, Tragen etc.) oder ist der Schnuller die erste Maßnahme? Wird das Kind nach Bedarf ernährt oder wird der Schnuller dazu eingesetzt, Abstände zwischen den Mahlzeiten zu verlängern/ Hungerzeichen zu übergehen?
  • Meist wird nicht zwischen Schnullern verschiedener Formgebung und Größen unterschieden, obwohl dies durchaus Auswirkungen haben könnte.

Als relativ gesichert gilt:

  • Für Frühgeborene kann ein Schnuller therapeutische Wirkung haben und ist daher in bestimmten Fällen hilfreich.
  • Der Schnuller hat einen protektiven Effekt gegen SIDS - allerdings scheint dies vor allem für nicht-gestillte Kinder zu gelten. Außerdem gilt der protektive Effekt nur für den Einsatz beim Einschlafen, nicht für den alltäglichen Gebrauch.
  • Für Babys, die häufig am Schnuller saugen, erhöht sich das Risiko für ein zu seltenes non-nutritives Saugen direkt an der Brust, wodurch die ausreichende Stimulation der Brust nicht sicher gestellt ist und die Milchbildung sich nicht voll etablieren kann.
  • Der gelegentliche Einsatz eines Schnullers bei bereits etablierter Stillbeziehung, die ohne Stillprobleme (Wunde Mamillen, Milchstau, Mastitiden etc.) verläuft, scheint keinen negativen Effekt auf das Stillen zu haben. Wenn bereits Stillprobleme bestehen, kann der Schnuller die Situation jedoch verschärfen.
  • Der Schnuller steht in Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für Otitis media (Mittelohrentzündung).
  • Ein intensiver Gebrauch auch noch im Kleinkindalter hat einen negativen Effekt auf die Kieferstellung und die Sprachentwicklung.

Folgende Punkte sind strittig:

  • Ob die Einführung eines Schnullers das Stillen prinzipiell stört und/oder zu früherem Abstillen führt, ist nicht abschließend geklärt. Für beide Varianten liegen entsprechende Studienergebnisse vor.
  • Es gibt Empfehlungen und Aussagen, die Daumenlutschen und Schnuller in ihren Auswirkungen und Risiken gleichsetzen. Gesicherte Studien dazu fehlen jedoch.
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    Non-nutritives Saugen an der Brust ist erwünscht
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    Auch ein Baby mit Schnuller braucht viel Körperkontakt

Aktuelle Empfehlungen

In den vergangenen Jahren hat sich ein weitgehender Konsens zu folgenden Punkten etabliert:

  • Das Stillen ist die wichtigste Präventionsmaßnahme gegen verschiedenste Erkrankungen und Risiken – dazu zählen auch SIDS, Otitis media und Zahnfehlstellungen. Daher sollte das Augenmerk auf einer gelingenden Stillbeziehung liegen und der Schnuller frühestens dann eingeführt werden, wenn das Stillen gut etabliert ist.
  • Der Schnuller sollte nicht als erste Beruhigungsmaßnahme für ein unruhiges Baby dienen. Zuwendung, Körperkontakt, Tragen und andere Beruhigungsmöglichkeiten sollen vorrangig verwendet werden. Gestillte Kinder sollen an der Brust nicht nur ihr Nahrungs- sondern auch ihr Saugbedürfnis befriedigen. Eine Begrenzung der Zeit an der Brust, eine Regulierung oder Behinderung des non-nutritiven Saugens an der Brust wird nicht empfohlen.
  • Wenn ein Schnuller verwendet wird, sollte er verantwortungsbewusst eingesetzt werden. Eine Nutzung soll dem Prinzip "so wenig wie möglich, so viel wie nötig" folgen.
  • Nicht-gestillte Kinder sollten zum Einschlafen einen Schnuller erhalten, sofern das Baby ihn gerne akzeptiert. Keinesfalls soll er aufgewungen werden und auch nicht erneut in den Mund gesteckt werden, wenn er herausgefallen ist.
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Dass Babys ab einem Alter von ca. 3 Monaten vermehrt ihre Hände und später Gegenstände zum Mund führen, ist ein normaler und wichtiger Entwicklungsprozess, der nicht behindert werden sollte. Dieses explorierende Lutschen und Untersuchen von Dingen mit Hilfe von Lippen und Zunge ist nicht gleichzusetzen mit dem klassischen Daumenlutschen aus Gewohnheit.

Zur Form und Größe des Schnullers hat im deutschsprachigen Raum die Logopädin Mathilde Furtenbach gemeinsam mit der Universität für Pädiatrie in Innsbruck äußerst hilfreiche Informationen zusammengestellt, die für Eltern und Fachpersonal zur Verfügung stehen. Sie können diese hier herunterladen:

Materialien/ Studien/ Statements

Für die Arbeit mit Eltern...

... stellen wir Ihnen hier ein Informationsblatt der Europäischen Laktationsberaterinnen Allianz (ELACTA) zum Download zur Verfügung. Dieses beschäftigt sich mit der Frage, wie man Babys auch ohne Schnuller beruhigen kann.

Hilfreiche Dokumente für Fachpersonal

Ein ausführlicher Übersichtsartikel in deutscher Sprache stammt von Mathilde Furtenbach aus dem Jahr 2013 und ist beim Georg Thieme Verlag in der Zeitschrift "Informationen aus Orthodontie & Kieferorthopädie" erschienen. Er steht Ihnen unter unten stehendem Link frei zur Verfügung.

Die Masterarbeit von Ulrike Lins aus 2010 nimmt ebenfalls Bezug auf Publikationen von Furtenbach und KollegInnen, beschäftigt sich jedoch hauptsächlich mit dem Bezug zur praktischen Umsetzung von Präventionsempfehlungen zum Schnuller. Die Autorin hatte einige junge Mütter begleitet und festgestellt, dass die Vorhaben vor der Geburt häufig sehr von der tatsächlichen Praxis im Alltag postpartum abwichen. Hier finden Sie ihre Masterarbeit zum Nachlesen.

Internationale Empfehlungen gibt es von der American Academy of Pediatrics (AAP) in ihrem Policy-Statement zum Stillen (2012): Sie lauten, Schnuller gezielt und mit therapeutischem Hintergrund zu verwenden sowie nach erfolgreicher Etablierung des Stillens den Schnuller zum Einschlafen anzubieten.

Die International Society for the Study and Prevention of Perinatal and Infant Death (ISPID) formulieren ihre Hinweise (2013) vergleichbar.

Ende 2012 wurde in Deutschland intensiv über die Frage diskutiert, ob aus Gründen der SIDS-Prophylaxe tatsächlich alle Babys flächendeckend einen Schnuller zum Einschlafen erhalten sollten. Damals gaben wir ein Statement dazu ab, das wir auch weiterhin für gültig erachten:

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