Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Beikost-Empfehlungen

Quellenangabe für die Fotos auf dieser Seite:
K. König, S. Lehwald, G. Ray, Fotolia/ Anna Romanova, iStock/ SbytovaMN

Überblick über den aktuellen Stand

Die internationalen Empfehlungen zur Einführung der Beikost haben in den vergangenen Jahren deutliche Veränderungen erfahren. Nachdem 2009 in Deutschland durch die neue Leitlinie zur Allergieprävention ein grundlegender Paradigmenwechsel stattfand, sind seither sowohl in Österreich als auch in der Schweiz und in Deutschland umfassende und meist auf breiter Basis im Konsens erstellte Empfehlungen zur Beikost erschienen, die sich weitgehend decken.

Auf dieser Seite finden Sie:

  • Überblick über die aktuellen Beikostempfehlungen im länderübergreifenden Konsens
  • Länderspezifische Informationsmaterialien für Österreich, die Schweiz und Deutschland
  • Informationen zur achtsamen Begleitung von Kindern beim Beikost-Start
  • Baby-led weaning (BLW)/ Fingerfood/ Beikost nach Bedarf: was ist das?
  • Evidenzen zu Brei-Kost und zu Baby-led weaning
  • Materialien für Eltern zum Thema Beikost nach Bedarf
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Individuelle Beikostreife steht im Vordergrund

Zum empfohlenen Zeitpunkt der Beikosteinführung besteht ein weitgehender Konsens: Ausschließliches Stillen für ungefähr ein halbes Jahr ist wünschenswert und sinnvoll, geeignete Beikost soll abhängig vom individuellen Entwicklungsstand des Kindes frühestens ab dem 5. Lebensmonat und spätestens ab dem 7. Lebensmonat angeboten werden, wobei parallel noch im gesamten zweiten Lebenshalbjahr weitergestillt werden sollte.

Die konkrete Ausformulierung der jeweiligen schriftlichen Empfehlungen ist manchmal etwas verwirrend: anstelle von "ab dem fünften Monat" steht dort häufig "nach dem vierten Monat", was dasselbe meint, aber zu Missverständnissen führen kann. Eine eindeutige Kommunikation gegenüber Eltern ist hier hilfreich: "ab dem/ im fünften Lebensmonat" und "ab dem/ im siebten Lebensmonat" sind eindeutiger als "nach dem vierten" oder "nach dem sechsten Monat".

Erfreulicherweise wird heute betont, dass Kinder individuelle Zeichen für ihre Bereitschaft zur Beikosteinführung zeigen und dass diese vorrangig beachtet werden sollten. Auf diese Weise wird der Blick von starren Altersangaben und einem festen Schema verlagert hin zu einem individuellen Eingehen auf das Kind und sein ihm eigenes Entwicklungstempo.

Einige Fachkräfte interpretieren die Empfehlungen und Leitlinien so, dass ein möglichst früher Beginn direkt nach dem 4. Lebensmonat wünschenswert oder sogar notwendig wäre. Das deutsche Netzwerk Gesund ins Leben verneint dies und hat dazu Ende 2016 nochmals eindeutig Stellung genommen:

Im Folgenden finden Sie die jeweiligen Leitlinien und Empfehlungen länderspezifisch sortiert:

Internationale Empfehlungen

Die Europäischen Empfehlungen der ESPGHAN-Experten (European Society for Pediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition) lauten: "Ausschließliches oder überwiegendes Stillen für ungefähr sechs Monate ist ein wünschenswertes Ziel."
Lesen Sie dazu das ESPGHAN Position Paper in der aktualisierten Fassung von 2017:

Die WHO (World Health Organization) empfiehlt unverändert, 6 Monate ausschließlich zu stillen und dann unter Einführung einer angemessenen Beikost weiterzustillen Sie formuliert dabei relativ strikt: "ab 6 Monaten" sollte Beikost eingeführt werden.

Österreich

Das Projekt "Richtig essen von Anfang an" stellt eine Kooperation der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH, des Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen und des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger dar und existiert seit 2008. Die aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem Gebiet der Säuglings- und Kindernährung sowie der Ernährung für Schwangere und Stillende sollen den BürgerInnen und ExpertInnen zugänglich gemacht und der Transfer in die Praxis soll unterstützt werden. Dazu wurde ein Maßnahmenkatalog erarbeitet und Materialien für Fachpersonal und für Eltern erstellt.
Die Broschüren für Eltern sind auch in gedruckter Form und zudem in verschiedenen Sprachen erhältlich.

Schweiz

Auch in der Schweiz gibt es Empfehlungen zur Einführung von Beikost, wobei dort kein einheitliches Netzwerk der relevanten Verbände existiert, wie in Österreich und in Deutschland. Die Empfehlungen der Eidgenössischen Ernährungskommission (EEK), der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE) und der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie (SGP) decken sich aber weitgehend und basieren meist auf denselben Grundlagen wie die Empfehlungen der anderen beiden deutschsprachigen Länder. Im Juni 2017 erschien erstmals eine gemeinsame Broschüre für Eltern zu diesem Thema, die in Zukunft auch in verschiedenen Sprachen erhältlich sein wird.

Deutschland

Vergleichbar zum österreichischen Projekt "Richtig essen von Anfang an" gibt es in Deutschland das Netzwerk "Gesund ins Leben", das verschiedene Institutionen, Fachgesellschaften und Verbände, die sich mit jungen Familien befassen, vereint. Es ist angesiedelt im Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) und Teil des nationalen Aktionsplans "IN FORM – Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung".

Das Netzwerk möchte einheitliche, evidenzbasierte Handlungsempfehlungen für Fachpersonal und Eltern mit Hilfe von Broschüren und anderen Materialien verbreiten und schult zudem regelmäßig Multiplikatoren. Viele Materialien stehen auch in anderen Sprachen zur Verfügung.

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Achtsamer Dialog zwischen Eltern und Kind

Die klassischen Beikostempfehlungen haben jahrzehntelang ein festes Schema propagiert, in dem eine schrittweise Einführung von bestimmten Brei-Sorten nach vorgegebenem Zeitplan erfolgt, bei gleichzeitiger rigider Reduzierung der Stillfrequenz. Die aktuellen, modernen Beikostempfehlungen sind in diesem Punkt weniger strikt, orientieren sich jedoch immer noch stark an den Vorgaben zur Breifütterung nach einem bestimmten Schema. Da jedoch zugleich auch immer klarer betont wird, wie wichtig die individuellen Zeichen des Kindes sind, sind die heutigen Brei-Zubereitungen immer als Angebot an das Kind zu verstehen. Das Prinzip des "Responsive Feedings", des achtsamen und respektvollen Fütterns, ist heute Ziel aller Empfehlungen: Kinder sollen nicht zum Essen gezwungen oder durch Ablenkung und Spielen zum Essen überredet werden. Die Atmosphäre am Familientisch soll harmonisch und gelassen sein, das Kind soll mit dem Essen positive Erfahrungen verbinden.

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Brei oder Fingerfood? Eine Streitfrage

Einige Kinder werden nicht gerne gefüttert und möchten von Anfang an selbst stückige Kost mit den eigenen Händen zu sich nehmen. Diese Methode wird heute meist mit dem Begriff "Baby-led weaning (BLW)" verbunden, einem Konzept der Britin Gill Rapley. Im Deutschen verwenden wir den Begriff "Beikost nach Bedarf", wodurch das Eingehen auf die Zeichen des Kindes und seine persönlichen Vorlieben gut zum Ausdruck kommt. Als stimmige Fortsetzung des Stillens nach Bedarf ist diese Form der Beikosteinführung auf dem Vormarsch.

Einige Fachleute sind noch skeptisch und äußern Sicherheitsbedenken bezüglich des Beikoststarts mit stückiger Kost, dem sogenannten Fingerfood. Bislang gibt es nur sehr wenige Evidenzen zu diesem Thema (sowohl für Fingerfood als auch für Brei-Fütterung!) und man kann zudem annehmen, dass auch die Industrie, die mit Gläschenkost einen enormen Umsatz macht, hier versucht, Einfluss zu nehmen.

Vorhandene Evidenzen zu Brei-Kost und Beikost nach Bedarf

Brei-Kost ist weit verbreitet und die klassischen deutschsprachigen Beikostempfehlungen orientieren sich weitgehend an einem Brei-basierten Schema. Interessanterweise gibt es jedoch außer etlichen konkreten Vorschlägen zur Zubereitung (wenn man selbst kocht) kaum unabhängige, wissenschaftlich fundierte deutschsprachige Quellen zur sinnvollen Zusammensetzung, Portionsgröße oder möglichen Alternativen. Gleichzeitig bietet die Industrie eine riesige Auswahl an fertig zubereiteter Gläschenkost, die nur minimalen gesetzlichen Vorgaben unterliegen und häufig faktisch Standards setzen. Entgegen der Empfehlungen von Fachgesellschaften und Verbraucherschutzorganisationen enthalten industriell hergestellte Produkte zum Teil große Mengen an Zucker oder andere, für Säuglinge ungeeignete Inhaltsstoffe. Organisationen wie die Stiftung Ökotest oder Foodwatch Deutschland warnen regelmäßig vor diesen Produkten und fordern strenge gesetzliche Regelungen.

In Großbritannien gibt es seit etlichen Jahren die gemeinnützige Stiftung First Steps Nutrition Trust, die regelmäßig industriell hergestellte Babynahrung (sowohl Formulamilch als auch Gläschenkost) detailliert untersucht und umfangreiche wissenschaftliche Berichte dazu herausgibt. Auch wenn nicht alle Gegebenheiten des britischen Marktes auf den deutschsprachichen Raum übertragbar sind, sind doch viele interessante Erkenntnisse aus den Berichten zu gewinnen und der Blick auf die Dinge, auf die wir achten sollten, wird geschärft.
Die Berichte des "First Steps Nutrition Trust" werden in unserem dazu passenden Artikel unter der Kategorie "Neues aus der Forschung" thematisiert und ausführlicher beschrieben:

Der neue (und zugleich jahrtausende alte) "Trend" des Fingerfood, bei dem Babys von Beginn an auch stückige, weiche Nahrung selbständig zu sich nehmen, ist bislang nur wenig wissenschaftlich untersucht. Befürworter argumentieren mit einem langfristig gesünderen Essverhalten und einem geringeren Risiko für Übergewicht, Gegner haben Sicherheitsbedenken oder befürchten eine unzureichende Nährstoffzufuhr im zweiten Lebenshalbjahr.
Eine umfassende Übersichtsarbeit vom Juni 2017 hat die bisher vorhandenen Studien zu diesem Thema identifiziert und widmet sich der Frage, ob die Methode des Baby-led weanings (BLW) gegenüber der klassischen Fütterung Vorteile bietet und welche Risiken bestehen. Eine dort näher beschriebene Studie vom September 2016, die sich mit den Sicherheitsaspekten auseinandersetzte, wurde von uns im November 2016 im Bereich "Neues aus der Forschung" intensiver besprochen:

Materialien für Eltern zum Thema Beikost nach Bedarf

Als Stillberaterinnen, die Beikost nach Bedarf als logische und natürliche Erweiterung des Stillens nach Bedarf sehen und davon ausgehen, dass Kinder auch im zweiten Lebenshalbjahr unter der Beikosteinführung weiterhin häufig gestillt werden, befürworten wir das Anbieten von Fingerfood für beikostreife Säuglinge unter Einhaltung einiger grundsätzlicher Sicherheitsaspekte. Wir unterstützen pragmatische und flexible Lösungen für die individuellen Lebensumstände jeder Familie und ermutigen Eltern, gemeinsam mit ihrem Kind auszuprobieren, was zu ihnen passt.

Für Ihre Arbeit mit Eltern gibt es einige hilfreiche deutschsprachige Materialien, die zum Download oder als gedruckte Informationsblätter zum Kauf zur Verfügung stehen:

Weitere Quellen und Materialien

Auf der EISL-Fachtagung 2017 in Dresden präsentierte Anja Bier (IBCLC) einen Vortrag zum Thema Beikosteinführung, der eine Vielzahl von Quellen als Links beinhaltet und online zur Verfügung steht:


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