Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Zahn- und Kiefergesundheit beim gestillten Kind

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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 01/2026

Zahngesundheit: eine Frage der Prävention

In den vergangenen Jahrzehnten hat es etliche gesellschaftliche Anstrengungen gegeben, die Zahngesundheit der Bevölkerung zu verbessern. Präventionsprogramme, z.B. zu einer gesunden Ernährung, die schon in der frühen Kindheit einsetzen, sowie ein gesteigertes Bewusstsein für die Wichtigkeit einer guten Zahnpflege haben dazu geführt, dass in den letzten 30 Jahren die Zahngesundheit von Kindern und Jugendlichen in den deutschsprachigen Ländern um ein Vielfaches gestiegen ist. Heutige Jugendliche in Deutschland haben im Schnitt nur noch 0,7 kariöse Zähne gegenüber 7 kariösen Zähnen in den 1980er Jahren.

Ein weiterer Faktor: bereits im Mutterleib werden erste Weichen gestellt. Paaren, die eine Schwangerschaft planen wird empfohlen, ihre Zähne gründlich zu sanieren und auf eine gute Zahnhygiene zu achten, um das Übertragungsrisiko für schädliche Keime und ein ungesundes Mund-Mikrobiom nach der Geburt des Kindes zu minimieren.

Stillen braucht Unterstützung, keine Verunsicherung

Leider wird das Stillen immer wieder in Zusammenhang mit der Entstehung von Karies gebracht. Dies führt zur Verunsicherung von Familien und kann zu einem vorzeitigen Abstillen beitragen. Dabei spricht sich die WHO nicht ohne Grund für eine ausschließliche Stillzeit von rund 6 Monaten und ein ergänzendes Stillen bis zum Alter von 2 Jahren oder darüber hinaus aus. Muttermilch enthält neben einer idealen Nährstoffzusammensetzung eine Vielzahl immunologischer Schutzfaktoren, deren Konzentration im zweiten Lebenshalbjahr sogar zunimmt. Stillen ist entwicklungsphysiologisch und immunologisch sinnvoll.

Auch die Zahn- und Kieferentwicklung profitiert durch den natürlichen Saugvorgang beim Stillen. Tatsächlich wurde in vielen Studien ein kariesschützender Effekt des Stillens festgestellt – besonders dann, wenn gute Mundhygienepraktiken eingehalten werden. In der Muttermilch enthaltene Stoffe wie Laktoferrin, Kalzium, Phosphat und Osteopontin wirken antibakteriell und remineralisierend. Sie hemmen etwa das Wachstum von Streptococcus mutans, dem wichtigsten Karieserreger.

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Ein erhöhtes Kariesrisiko im Kleinkindalter ergibt sich vor allem aus unzureichender Mundhygiene und fehlender Fluoridierung. Eine altersgerechte Zahnpflege, insbesondere mit fluoridhaltiger Zahnpasta, ist deshalb zentral. Aufklärung, Hygiene und zahnärztliche Begleitung sind der Schlüssel für einen gesunden Zahnstatus.

Stillen als Prävention

In etlichen Studien konnte gezeigt werden, dass das Stillen eines Säuglings dosisabhängig zu einem geringeren Risiko für Zahnfehlstellungen und zu einer Verringerung des Karies-Risikos beiträgt. Der letzte Punkt gilt für gestillte Kinder unter einem Jahr als gesichert, für gestillte Kleinkinder gibt es allerdings widersprüchliche Ergebnisse. Wir haben auf dieser Seite verschiedene Quellen für Sie zusammengestellt, die zu den genannten Erkenntnissen weitere Informationen liefern.

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Orofaziale-Entwicklung

Die orale Anatomie entwickelt sich früh und ist eng mit dem Stillen verknüpft. Das Saugen an der Brust beeinflusst Kieferwachstum, Muskelkoordination, Atmung und spätere Zahngesundheit entscheidend positiv.
Ein gesundes, termingeborenes Neugeborenes bringt in der Regel alle anatomischen Voraussetzungen mit, um effektiv an der Brust zu saugen. Beim Stillen werden viele Muskeln im Mund- und Gesichtsbereich synchron aktiviert – mehr als 40 paarig angelegte Muskeln arbeiten zusammen.

Form folgt Funktion: Warum Stillen das Kieferwachstum positiv beeinflusst
Ober- und Unterkiefer sind beim Neugeborenen flach und formbar. Ihre Entwicklung ist abhängig von adäquater muskulärer Beanspruchung. Stillen fördert durch die Aktivierung der Kaumuskulatur ein harmonisches Längen- und Breitenwachstum des Gesichtsschädels.

Stillen schützt – auch langfristig
Säuglinge, die effektiv und über einen längeren Zeitraum gestillt werden, zeigen im Vergleich eine bessere Nasenatmung, einen geschlossenen Mund in Ruhe und ein funktionell trainiertes orofaziales System. Diese Faktoren wirken präventiv gegen Dysgnathien, Artikulationsstörungen und persistierende orofaziale Dysfunktionen.
Besonders relevant sind dabei die Dauer und Qualität des Stillens. Je häufiger das Kind an der Brust saugt, desto besser prägen sich muskuläre Abläufe und sensomotorische Muster ein. Diese frühe „Trainingszeit“ wirkt sich nicht nur auf das Stillverhalten, sondern auf die gesamte funktionelle Entwicklung aus. Deshalb sollten Eltern dazu ermutigt werden, in den ersten vier bis sechs Wochen nach der Geburt und bis sich das Stillen gut eingespielt hat, möglichst auf den Einsatz von Fremdsaugern zu verzichten.

Im Zusammenhang mit Zahnfehlstellungen wird auch über den möglichen Einsatz eines Schnullers diskutiert. Manche Expert:innen plädieren eher dafür, das Kind am Daumen lutschen zu lassen, andere sehen im Schnuller weniger Gefahren. Zu diesen und anderen Auswirkungen des Schnullers können Sie weiterlesen auf unserer Fachseite:

Karies

Karies ist im Grunde eine Zivilisationskrankheit, die erst spät in der Menschheitsgeschichte erstmals auftrat. Über Jahrtausende hinweg gab es keine Karieserkrankungen, wie archäologische Schädelfunde und -analysen zeigen. Auch bei Säugetieren, die in freier Wildbahn leben, ist Karies nahezu unbekannt.

Wir wissen heute, dass Karies durch Bakterien verursacht wird und dass es sowohl anlagebedingte als auch vom Lebensstil abhängige Faktoren gibt, die das Wachstum dieser Bakterien und die Auswirkungen, die es auf den Zahnschmelz hat, beeinflussen. Wie auch in anderen Körperregionen gibt es im Mundbereich ein individuelles Mikrobiom, das durch unseren Lebensstil geprägt und beeinflusst wird. Um ein gesundes Mikrobiom herzustellen (und somit das Risiko der Übertragung einer ungünstigen Zusammensetzung von Mikroorganismen an das Kind zu minimieren), sollten beide Eltern möglichst noch vor Geburt eine umfassende Zahnsanierung durchführen.

Eine schlechte Zahnpflege und der Konsum von zuckerhaltigen Getränken und Lebensmitteln sind die Hauptauslöser für kariöse Schädigungen am Zahn, was in vielen Studien nachgewiesen wurde. Die wichtigste Maßnahme zur Karies-Prophylaxe ist daher eine konsequente und gründliche Zahnpflege vom ersten Zahn an, sowie eine starke Begrenzung des Konsums von gesüßten Getränken und Süßigkeiten. Eltern nehmen hier eine Vorbildfunktion ein und sollten ihre eigene Zahnhygiene und ihr Trink-/Essverhalten überprüfen.

Wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema "Stillen und Karies"

In den späten 1970er Jahren veröffenlichten Wissenschaftler erste Studien zu diesem Thema, bei denen sie aus Befragungen von Müttern den Schluss zogen, Muttermilch sei kariogen, also kariesauslösend. Diese sehr schwach gestützten Studien, die aus wenigen Fallbeschreibungen bestanden, legten den Grundstein für die auch heute noch von vielen Fachleuten vertretene Meinung, nächtliches Stillen sei ebenso problematisch zu sehen wie das nächtliche Nuckeln an einer Flasche (mit womöglich gesüßten Getränken).

Seither konnte mehrfach nachgewiesen werden, dass Muttermilch entgegen der ursprünglichen Annahmen sogar das Karies-Risiko verringert, da Muttermilch antibakterielle Wirkstoffe enthält und zudem den Zahnschmelz remineralisieren kann, selbst wenn er schon leicht angegriffen sein sollte. Insbesondere das ausschließliche Stillen im ersten Lebenshalbjahr trägt zu einer starken Risikoverringerung für Karies bei. Diese Ergebnisse gelten uneingeschränkt jedoch nur für Säuglinge unter einem Jahr.

Für gestillte Kleinkinder gibt es hingegen widersprüchliche Studienergebnisse. Es scheint, als ob insbesondere das ausgedehnte nächtliche Stillen bei einem Kleinkind mit ungünstiger Veranlagung das Karies-Risiko erhöhen kann. Studien zu dieser Frage mangelt es jedoch bisher oft am Studiendesign: nicht immer wird klar, in welchem Umfang das Kind noch stillt, was es ansonsten zu sich nimmt, ob es nachts noch weitere Getränke außer Muttermilch erhält und wie gründlich die Zahnpflege betrieben wird. Daher bleibt abzuwarten, was die Forschung zu diesem Thema künftig erbringen wird. Eine Meta-Analyse von Lustosa et al. aus 2025 kam zu dem Schluss, dass sich das erhöhte Karies-Risiko für gestillte Kleinkinder erst ab einem Alter von über 24 Monaten bestätigen lässt.

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Wissenschaftliche Evidenzen zum Thema

In unserer Kategorie "Neues aus der Forschung" veröffentlichen wir regelmäßig Artikel zu aktuellen Studien rund um das Stillen.

Im Jahr 2015 veröffentlichten wir zwei zum Thema "Zahngesundheit" passende Artikel – damals noch im PDF-Format:

Seither sind viele neue Studien zu diesem Thema erschienen, so dass wir im Januar 2026 eine Zusammenfassung unter dem Titel "Update: Stillen und Zahngesundheit" veröffentlicht haben:

Weitere Informationen

In der Fachzeitschrift "ZAHN ARZT" erschien im November 2025 ein Artikel von unserer Mitarbeiterin Natalie Groiss mit dem Thema "Stillen stärkt den Kiefer", welchen wir hier mit freundicher Genehmigung zur Verfügung stellen dürfen:

Die Webseite der Australian Breastfeeding Association hat dem Thema "Stillen und Karies" eine eigene Fachseite mit Informationen und Links zu anderen Quellen gewidmet:

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