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Milchmangel in der Stillzeit

Zu den Inhalten dieser Fachseite gibt es detaillierte Evidenzen, die Sie in den angehängten und zum Download zur Verfügung stehenden Artikeln und Statements finden.

 

Stillen ist Nahrung für Bauch und Seele und eine gelingende Stillbeziehung gibt Müttern viel Selbstvertrauen. Nicht immer gelingt jedoch alles problemlos: Zu den häufigsten Ursachen für ein frühzeitiges Abstillen trotz Stillwunsch gehört die Sorge um "zu wenig Milch". Obwohl es tatsächliche medizinische Gründe für eine unzureichende Milchproduktion geben kann, beruht das Gefühl, zu wenig Milch zu haben, in den allermeisten Fällen auf unrealistischen Vorstellungen vom normalen Stillverhalten beziehungsweise dem allgemeinen Verhalten eines Säuglings. Auch Unerfahrenheit, mangelnde Unterstützung (im Umfeld und durch Fachpersonal) sowie fehlendes Wissen über die Physiologie der Laktation sind Faktoren, die zu vorschnellen Urteilen über einen vermeintlichen "Milchmangel" führen können.

 

In den ersten Wochen und Monaten ist es nicht immer leicht, das normale Spektrum an Erfahrungen mit einem kleinen Baby richtig zu deuten und von beunruhigenden Anzeichen zu unterscheiden. Typische Zeichen, die besonders häufig für Verunsicherung sorgen:

  • Häufiges Stillen in kurzen Abständen
  • Abendliches "Dauerstillen", auch Clusterfeeding genannt
  • Unruhe/ Weinen des Babys
  • Intensiver Bedarf nach Körperkontakt, getragen und geschaukelt werden
  • Weiche Brüste
  • Keine oder nur geringe Milchmengen bei Pumpversuchen

Eltern interpretieren diese Faktoren oft als Zeichen dafür, dass die Muttermilch nicht ausreicht, sie geben jedoch keine zuverlässigen Hinweise auf die Milchmenge und das Gedeihen des Kindes.

 

Weit aussagekräftiger zur Beurteilung der Situation sind Faktoren, die das Gewicht, die Ausscheidungen und das allgemeine Gedeihen des Kindes berücksichtigen. Anzeichen für eine ausreichende Milchproduktion und ein gutes Gedeihen sind:

  • Häufiges Stillen, mindestens 8 - 12 Mal in 24 Std.
  • Hörbares Schlucken des Babys beim Einsetzen des Milchspendereflexes
  • Ab dem 4. Tag postpartum: mind. 6 nasse Windeln pro 24 Std.
  • In den ersten 4 Lebenswochen: mind. 3 - 4 Mal Stuhlgang pro 24 Std.
  • Geburtsgewicht innerhalb von 10 Tagen postpartum wieder erreicht
  • Im 1. und 2. Monat eine wöchentl. Gewichtszunahme von ca. 170 - 330 g
  • Im 3. und 4. Monat eine wöchentl. Gewichtszunahme von ca. 110 - 330 g
  • Aufgewecktes Baby mit gutem Muskeltonus und glatter Haut

Ausführliche Leitlinien mit Auflistung der dazugehörenden Evidenzen bietet ILCA, der Internationale Verband der Laktationsberaterinnen. Sie finden zwei Dokumente → hier: Die ILCA-Leitlinien sowie die Einlage (Aktualisierung zum Thema Gewichtszunahme).

 

 

Natürlich gibt es auch Situationen, in denen tatsächlich eine zu geringe Milchproduktion vorliegt bzw. das Kind nicht ausreichend gedeiht. Häufige Faktoren, die zu einem tatsächlichen Milchmangel führen können:

  • Ungünstiges Stillmanagement, reglementierte Stillzeiten
  • Inkorrekte Anlegetechnik, fehlender Milchspendereflex
  • Ineffektive Saugtechnik des Kindes
  • Routinemäßige Gabe von Nahrungssupplementen/Tee/Wasser/Glucose o.ä.
  • Verwendung eines Schnullers oder von Stillhütchen
  • Trennung von Mutter und Kind, zu spät einsetzendes/ zu seltenes Pumpen
  • Plazenta-Retention (Progesteron verhindert die Milchproduktion!)
  • Starker peripartaler Blutverlust
  • Hypophysen- oder Schilddrüsenerkrankungen der Mutter
  • Anatomische Besonderheiten/ Erkrankungen auf Seiten des Kindes
  • Anatomische Besonderheiten oder vorangegangene Operationen der Brust

Einen Überblick über mütterliche Erkrankungen, die Ursache einer unzureichenden Milchproduktion sein könnten, gibt der folgende Artikel von Gudrun von der Ohe, den wir Ihnen zum Download zur Verfügung stellen:

 

Lösungsansätze, die die Erhöhung der Milchproduktion unterstützen:

  • Ausführliche Anamnese, Verbesserung des Stillmanagements:
    • Uneingeschränktes und häufiges Stillen nach Bedarf
    • Anlegetechnik kontrollieren
    • Gebrauch von Schnuller und Hilfsmitteln überprüfen
  • Förderung von häufigem Körper- und direktem Hautkontakt
  • Überprüfung des Gewichtsverlaufs, engmaschigere Kontrollen
  • Bei Bedarf Pumpmanagement überprüfen
  • Selbstvertrauen der Mutter stärken, warmherzige Begleitung
  • Kleine Schritte planen, nicht überfordern, erreichbare Ziele setzen
  • Einnahme von Galaktogogen - Einsatz sollte sorgfältig abgewogen werden
  • Bei notwendiger Zufütterung stillfreundliche Zufütterungstechniken anwenden, Zufütterung an der Brust bevorzugen

Zum Thema "stillfreundliche Zufütterung" haben wir im Frühjahr 2013 ein Statement verfasst, das sich mit dem sogenannten "Fingerfeeding" befasst. Es steht Ihnen hier zum Download zur Verfügung:

 

Traditionell werden zur Anregung der Milchproduktion in vielen Kulturen sogenannte Galaktogogen eingesetzt. Sie stärken häufig die Zuversicht der Mütter, ausreichend Milch zu bilden und tragen in einigen Fällen zur Entspannung bei. Manchmal handelt es sich um reichhaltige Nahrungsmittel, die der jungen Mutter Energie für ihre neue Aufgabe zur Verfügung stellen. Wenn sie der Mutter gut tun, können sie weiter angewendet werden, auch wenn sie keine milchfördernden Eigenschaften haben.
Vermeintlich milchbildungssteigernde Substanzen werden jedoch immer wieder auch verwendet, ohne die Ursachen für die geringe Milchproduktion zu untersuchen und das Stillmanagement genau zu überprüfen. Daher sollten Galaktogogen stets als Ergänzung eingesetzt werden und können eine umfassende Analyse und Beratung der stillenden Mutter nicht ersetzen. Medikamentöse Galaktogogen sind auf Wirksamkeit und mögliche Nebenwirkungen hin kritisch zu untersuchen.

 

In manchen Fällen können medikamentöse Maßnahmen zur Steigerung des Prolaktinspiegels angezeigt sein, auch einige "natürliche", auf Kräutern basierende Galaktogogen scheinen in gewissem Ausmaß tatsächlich milchbildungssteigernd zu wirken (z.B. Bockshornkleesamen Phenum Grecum, die heute in Kapselform erhältlich sind).
Genauere Angaben zu Dosierungen und Indikationen finden Sie in unserem Skriptum, das Ihnen derzeit in Auszügen zum Download zur Verfügung steht, außerdem im folgenden Artikel von Gudrun von der Ohe über die Dosierungsempfehlungen beim Einsatz von Domperidon als Galaktogogum:

 

Ein 2014 erschienener interessanter → Artikel zweier australischer KollegInnen spricht sich dafür aus, Domperidon auch höher dosiert einzusetzen als hierzulande üblich und argumentiert, dass die befürchteten Risiken immer auch gegen die Risiken abgewogen werden müssen, die enstehen, wenn eine Mutter ihr Baby aufgrund eines Milchmangels nicht ausschließlich stillt oder sogar komplett abstillt weil sie ein Teilstillen nicht praktizieren möchte.

 

Manchmal ist ein Informationsblatt, das alle wichtigen Punkte noch einmal schriftlich zusammenfasst, in der Beratung von jungen Eltern hilfreich. Zwei kostenlos zum Download zur Verfügung stehende Blätter von La Leche Liga Deutschland e.V. eignen sich sehr gut dafür: "10 Tipps: So fließt reichlich Muttermilch" und "Trinkt mein Baby genug Milch?". Sie finden sie → hier.