Stillen fördern

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Academy of Breastfeeding Medicine Clinical Protocol #7: Model Maternity Police Supportive of Breastfeeding
Hernández-Aguilar M-T, Bartick MC, Schreck PK, Chapin EM. Breastfeeding Medicine. 2026;20(11):771-804. https://doi.org/10.1177/15568253251375964
Die Academy of Breastfeeding Medicine (ABM) gibt eine Vielzahl von internation anerkannten Empfehlungen zu Themen rund um Stillen und Laktationsmedizin heraus, die als "ABM-Protokolle" bezeichnet werden. Sie dienen als Orientierung und Vorlage zum Erstellen von verbindlichen Leitlinien und Standards und werden regelmäßig überarbeitet.
Das Protokoll Nr. 7 war zuletzt 2018 erschienen und wurde nun im November 2025 in aktualisierter Form veröffentlicht. Es dient als Vorlage zur Erarbeitung eigener Standards für geburtshilfliche Einrichtungen und ist sehr praxisorientiert. Derzeit liegt es nur in der englischen Original-Fassung vor, häufig werden die ABM-Protokolle aber auch nach und nach in andere Sprachen übersetzt – es ist also möglich, dass eine deutsche Version erscheinen wird.
Empfehlungen
Das Protokoll empfiehlt, die Zertifizierung als babyfreundliche Einrichtung anzustreben und damit die "10 Schritte zum erfolgreichen Stillen" umzusetzen. Das Bewusstsein für den hohen Stellenwert von Muttermilch und die Förderung des Stillens sollte dabei nicht nur auf reife, gesunde Säuglinge abzielen, sondern auch Frühgeborene und andere vulnerable Gruppen von Neugeborenen einbeziehen. Häufiger und nachhaltiger Hautkontakt sollte dazu unbedingt gefördert werden, außerdem sollen Mütter von kranken oder zu früh geborenen Kindern dazu angeleitet werden, ihre Milchproduktion mit Hilfe von Hand- oder Pumpgewinnung aufzubauen.
Die Einrichtung sollte den "WHO-Kodex" (Internationaler Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten) einhalten und Interessenskonflikte vermeiden.
Evidenzbasiertes, kulturell-sensibles und respektvolles Handeln und ein entsprechender Umgang mit den Patient:innen und Klient:innen sollte bewusst etabliert und gelebt werden.
Umsetzung in der Praxis
Das Protokoll wird dann sehr konkret und beschäftigt sich mit etlichen Aspekten, die für die praktische Umsetzung relevant sind. Zum Beispiel wird klar benannt, wie wichtig die ausreichende Schulung aller beteiligten Fachkräfte ist und es wird vorgeschlagen, in jeder Einrichtung ein "Still-Kommitee" einzurichten, das die Erstellung, Etablierung, Einhaltung und Überarbeitung der stillfördernden Standards überwacht. Neue Mitarbeiter:innen sollen ab der ersten Woche in die stillfördernden Richtlinien und die daraus folgende Praxis eingewiesen werden.
Stillförderung der Einrichtung schließt auch die Mitarbeiter:innen ein: Stillpausen und geeignete Räumlichkeiten sowie Lagermöglichkeiten für gewonnene Muttermilch sollen zur Verfügung gestellt werden.
In der Einrichtung gibt es keinerlei Werbung von Säuglingsnahrungsherstellern, es werden keine Geschenke oder sonstiges Material angenommen und/oder verteilt und notwendige Hilfsmittel in der Betreuung von Familien, die nicht oder nicht ausschließlich stillen (z.B. Flaschen, Sauger, künstliche Säuglingsnahrung) wird von der Einrichtung zu normalen Marktpreisen erworben.
Schwangere werden korrekt zum Stillen informiert und ermutigt, ihre individuellen Wünsche für die Geburt und die erste Zeit postnatal klar zu formulieren und festzuhalten. Es gibt eine Liste von Themen (zum Stillen), die mit Schwangeren möglichst vor der Geburt besprochen werden sollten und es sollten entsprechende Kurse und/ oder Einzelgespräche angeboten werden.
Eine physiologische Geburt wird angestrebt und unterstützt, dabei wird nach dem neuesten, evidenzbasierten Stand des Wissens gearbeitet. Nach der Geburt wird unmittelbarer, ununterbrochener Haut-zu-Haut-Kontakt bei allen Geburten angestrebt, sofern keine zwingenden medizinischen Gründe dagegen sprechen. Fortgesetzter Hautkontakt während des gesamten Aufenthalts der Familie wird empfohlen.
Stillen oder Muttermilchgewinnung und -gabe innerhalb der ersten Stunde postpartum ist Standard. Mütter, die stillen möchten, erhalten während des gesamten Aufenthalts zeitnahe, empathische und fachlich kompetente Unterstützung zum Stillen, was z.B. die Beobachtung von mindestens 1 - 2 Stillmahlzeiten durch eine Still-Fachkraft einschließt. Bei Bedarf erhält die Mutter ergänzende Unterstützung. Alle Maßnahmen und Beratungsinhalte werden dokumentiert.
Eltern werden zum Inuitiven Stillen und zu den Stillzeichen ihres Babys angeleitet, sowie zu Zeichen für einen effektiven Milchtransfer und gutes Gedeihen. Die Technik zur Handgewinnung wird allen Müttern gezeigt, insbesondere wenn sich Anzeichen für Schwierigkeiten beim Stillen ergeben oder wenn Mutter und Kind getrennt werden müssen. Im letzteren Fall werden Mütter egänzend zum Pumpen angeleitet.
Schmerzhafte Eingriffe beim Kind (Blutabnahme, Vitamin-K-Spritze etc.) werden nach Möglichkeit durchgeführt, während das Kind an der Brust angelegt ist. Falls ein Kind auf eine NICU oder vergleichbare Stationen verlegt werden muss, werden Eltern ermutigt und unterstützt, soviel Zeit wie möglich bei ihrem Kind zu verbringen und in seine Pflege einbezogen zu werden. Kolostrum und Muttermilch sind unschätzbar wertvoll und werden auch zur Beruhigung (Geruch) eingesetzt. Der Übergang zum direkten Stillen an der Brust wird unterstützt, sobald dies möglich ist.
Bei Bedarf wird auf Frauenmilch von Spender:innen zurückgegriffen. Wenn eine Familie sich entscheidet, künstliche Säuglingsnahrung einzusetzen, wird sie zur korrekten Zubereitung und zur praktischen Handhabung informiert. Familien werden zum Stillen nach Bedarf bzw. achtsamen Füttern nach Bedarf angeleitet. Das normale Verhalten von Neugeborenen und Säuglingen, einschließlich des Schlafverhaltens, wird thematisiert. Non-nutritives Saugen und Clusterfeeding werden erklärt, Schnuller und künstliche Sauger werden vermieden.
Rooming-In ist Standard, eine Trennung von Mutter und Kind wird möglichst auch bei medizinischen Besonderheiten sowie Untersuchungen und Routinemaßnahmen vermieden.
In Summe bietet das Protokoll Nr. 7 einen detaillierten und äußerst sinnvollen Überblick über alle (stillfördernden) Maßnahmen, die heute als Standard in allen geburtshilflichen Abteilungen selbstverständlich sein sollten. Es sollte unbedingt weite Verbreitung finden.
Das Protokoll kann in der englischen Originalfassung → hier vollständig heruntergeladen werden.
© Februar 2026, Anja Bier, IBCLC
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