Europäisches Institut für Stillen und Laktation

AWMF-S3-Leitlinie "Sectio caesarea" aktualisiert

Anlage zum EISL-Newsletter Oktober 2026

AWMF-S3-Leitlinie "Sectio caesarea"
DGGG, OEGGG, SGGG und andere Fachgesellschaften, AWMF-Nummer 015-084, Oktober 2026.
https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/015-084

Das wichtigste in Kürze:

  • Die zuletzt 2020 aktualisierte AWMF-Leitlinie zur Sectio wurde aktuell überarbeitet und umfasst nun in der vollständigen Langversion (2026) insgesamt 264 Seiten.
  • Intensive Beratung zu den Vor- und Nachteilen von vaginaler Geburt vs. Sectio-Entbindung ist für alle Mütter und Eltern empfohlen, eine klare Indikationsstellung und transparente Kommunikation ist wichtig.
  • Eine adäquate postoperative Schmerzversorgung ist wichtig und darf nicht aus Sorge um das gestillte Neugeborene unzureichend dosiert werden.
  • Früher Hautkontakt und Bonding noch direkt im OP gehören zu den klaren Empfehlungen (bereits seit 2020).
  • Sobald die Mutter wach und orientiert ist, kann sie ihr Baby anlegen, außerdem kann Kolostrum uneingeschränkt verwendet werden. Das Stillen in den ersten Tagen und Wochen nach einer Sectio benötigt häufig besondere Unterstützung.

Die AWMF-Leitlinie zur Sectio caesarea wurde zuletzt 2020 aktualisiert und nun in einer umfassend überarbeiteten Version neu veröffentlicht. Die gesamte Leitlinie umfasst in der Langversion 264 Seiten – für unseren Artikel beschränkten wir uns auf die Vorstellung einiger weniger Aspekte, die uns für den Stillberatungs- und Stillförderungs-Kontext wichtig erscheinen.

Gleich zu Beginn widmet sich die Leitlinie ausführlich dem Thema, wann und wie Schwangere zu den Vor- und Nachteilen und Risiken von vaginaler vs. Sectio-Geburt beraten werden sollen. Die Leitlinie betont, dass eine transparente und laiengerechte Kommunikation von hoher Bedeutung ist und dass außer in Fällen einer zwingenden Indikationsstellung, die eine Sectio unumgänglich machen, am Ende eine Entscheidung im "informed consent"-Modus angestrebt wird. Die zwingenden Fälle machen laut Leitlinien-Kommission weniger als 10 % der Sectio-Entbindungen aus. Die Leitlinie diskutiert ausführlich und detailliert verschiedene Szenarien/ Indikationen hinsichtlich ihres Risiko- und Empfehlungsprofils.
Zusätzlich wird empfohlen, allen Eltern postpartum eine Nachbesprechung der Sectio-Geburt anzubieten, um eine bessere Verarbeitung zu ermöglichen.

Wenn keine zusätzlichen Risikofaktoren vorliegen und die Schwangere sich für eine Sectio entschieden hat, soll z.B. bei Beckenendlage oder bei elektiver Sectio-Planung diese erst ab 39+0 erfolgen.

Nach ausführlicher Diskussion verschiedener Indikationen und der konkreten OP-Vorbereitung und -Durchführung, inkl. Nahttechnik und Anästhesie, widmet sich die Leitlinie der postoperativen Schmerztherapie, was bedeutsam ist: in Untersuchungen zeigt sich, dass Frauen nach einer Sectio häufig starke Schmerzen haben und aus unbegründeter Sorge um die Auswirkungen auf das gestillte Neugeborene in vielen Einrichtungen eine inadäquate Schmerzversorgung der Mutter erfolgt. Die Leitlinie gibt hierzu klare Empfehlungen, die alle geburtshilflichen Einrichtungen kennen sollten.

Als nächstes widmet sich die Leitlinie verschiedenen Aspekten der postoperativen Versorgung von Mutter und Kind, wobei bereits hier erwähnt wird, dass der "früh eingesetzte Hautkontakt" wesentlich für die Temperaturregulation des Kindes ist. Unverändert gegenüber der Version von 2020 bleibt die Empfehlung zum Bonding: früher Haut-zu-Haut-Kontakt zwischen Mutter und Kind werden stark empfohlen, Bonding/Hautkontakt soll bereits im OP beginnen. Die Leitlinie spricht auch an, dass nach einer Sectio in Vollnarkose besondere Aufmerksamkeit auf intensiven Körperkontakt gelegt und Gesprächsangebote an die Mutter erfolgen sollen, um die Bindung zu unterstützen.

Am Ende geht Leitlinien-Kommission darauf ein, dass das Stillen nach einer Sectiogeburt erschwert sein kann und empfiehlt zusätzliche Unterstützungsangebote. Auch nach einer Vollnarkose kann das Kind angelegt werden, sobald die Mutter wach und orientiert ist, außerdem kann Kolostrum uneingeschränkt verwendet werden.

ANMERKUNGEN DES EISL:

Noch immer ist es in vielen Häusern keine Selbstverständlichkeit, dass ALLE Neugeborenen, ob vaginal oder per Sectio geboren, normalerweise unmittelbar postpartal im direkten Haut-zu-Haut-Kontakt mit der Mutter verbleiben – obwohl sowohl die Leitlinie zur Sectio als auch die Leitlinie zur vaginalen Geburt dies bereits seit 2020 klar empfehlen. Die Studienlage dazu ist noch älter und zeigte bereits seit langem die positiven Auswirkungen (lesen Sie dazu auch z.B. unseren Artikel von 12/2019 → Die Bedeutung des direkten Hautkontakts für ALLE Neugeborenen).

In besonderen Fällen kann das Bonding auch mit dem/der Partner:in der Mutter oder mit einer anderen Bezugsperson durchgeführt werden – sobald wie möglich sollte jedoch auch intensiver Hautkontakt zur Mutter bestehen, weil dies nachweislich auch Auswirkungen auf den Stillerfolg hat.

Wir halten es für enorm wichtig, dass Fachkräfte in Geburts- und Kinderkliniken über die Bedeutung des frühen (und im Verlauf weiter fortgesetzten) Haut-zu-Haut-Kontakts informiert sind und dass interdisziplinäre Anstrengungen unternommen werden, um Strukturen zu schaffen, die dies ermöglichen. Die aktuelle Leitlinie kann einen guten Beitrag dazu leisten.

Mehr zu den Zusammenhängen zwischen Bonding, Bindung und Stillen finden Sie auf unserer Fachseite:

© Oktober 2026, Anja Bier, IBCLC
und das EISL-Newsletter-Team:
Rhiannon Grill, IBCLC; Natalie Groiss, IBCLC; Simone Lehwald, IBCLC; Gabriele Nindl, IBCLC; Gudrun von der Ohe, Ärztin und IBCLC

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