Stillen fördern

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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 08/2026
Die besondere Bedeutung der Bindung für die psychische und physische Gesundheit von Kindern kann kaum genug betont werden und wird auch immer mehr in der Öffentlichkeit wahrgenommen. In Fachkreisen ist die Bedeutung schon lange bekannt, ebenso wie die Tatsache, dass die Förderung der Bindung einerseits das Stillen erleichtert, umgekehrt aber auch, dass das Stillen die Bindung zwischen Mutter und Kind untersützt. Bindung und Stillen sind also in vielerlei Hinsicht eng miteinander verknüpft.
Der Aufbau einer tiefen inneren Gefühlsverbindung (Bonding), bei dem sich Eltern regelrecht in ihr Kind verlieben, ist ein Prozess, der durch viele Einflüsse und Erfahrungen geprägt wird. Als begleitende Fachperson ist es wichtig zu verstehen, dass es in unserer Verantwortung liegt, diesen von der Schwangerschaft bis weit in die Stillzeit andauernden Vorgang so zu begleiten, dass er möglichst störungsfrei ablaufen kann. Lesen Sie hierzu auch unseren Fachartikel → "Klinikroutinen in den ersten Postpartum-Stunden und ihre Wirkung auf das Stillen"
Das Hormon Oxytocin spielt eine zentrale Rolle im Bindungsaufbau und in der frühen Eltern-Kind-Beziehung. Seine Wirkung entfaltet sich sowohl auf körperlicher als auch auf psychischer Ebene. Physiologisch unterstützt Oxytocin unter anderem die Wehentätigkeit, die Uterusrückbildung nach der Geburt und die Schmerzwahrnehmung. Darüber hinaus wirkt es auf das emotionale Erleben, indem es Stress- und Angstreaktionen reduzieren, Gefühle von Sicherheit, Nähe und Verbundenheit fördern sowie soziales Erinnern und Wiedererkennen unterstützen kann. Damit ist Oxytocin wesentlich an der Entwicklung von Sozial- und Bindungsverhalten beteiligt. Schwangerschaft, Geburt und Stillen stellen aus biologischer Sicht eine natürliche Einheit dar, die ab dem Moment der Entstehung des Embryos das sichere Gedeihen und Aufwachsen dieses Kindes zum Ziel hat. Es ist daher nicht erstaunlich, dass einige zentrale Hormone gleich mehrere miteinander verknüpfte Funktionen innerhalb dieses Prozesses übernehmen. So ist auch für die Laktation Oxytocin von entscheidender Bedeutung, indem es den Milchspendereflex auslöst.
Der Oxytocinspiegel steigt bereits in der Schwangerschaft deutlich an und erreicht unter der Geburt und später während des Stillens in pulsierenden Spitzen Höchstwerte. Zu keinem Zeitpunkt im Leben einer Frau, liegt der Oxytocinspiegel höher als unmittelbar postpartal. Deshalb stellt diese "Golden Hour" ein besonderes Zeitfenster für den frühen Bindungsaufbau dar.
Wichtig zu wissen: nur körpereigenes, von der Mutter selbst ausgeschüttetes Oxytocin kann die oben genannten psychischen Prozesse auslösen. Künstlich zugeführtes Oxytocin kann die Wehentätigkeit und Rückbildung der Gebärmutter unterstützen, ist jedoch auch mit Risiken für die Mutter-Kind-Interaktion verknüpft. Der Einsatz sollte daher nur bei klarer medizinischer Notwendigkeit erfolgen und gut abgewogen werden.
Lesen Sie dazu auch unseren Artikel → Zufuhr von künstlichem Oxytocin unter der Geburt hat Auswirkungen auf das Stillen, der diese Thematik aufgreift.


Zahlreiche Leitlinien und Empfehlungen sind sich einig: Mutter und Kind sollen nach der Geburt für etwa eine Stunde oder länger – mindestens bis zum ersten Stillen – im unmittelbaren, ununterbrochenen Hautkontakt miteinander verbleiben. Alle notwendigen Untersuchungen und Routine-Maßnahmen werden entweder direkt auf dem Körper der Mutter vorgenommen oder auf die Zeit nach der Bonding-Phase verschoben.
Die Etablierung des sofortigen Haut-zu-Haut-Kontakts sollte nicht nur für gesunde, reife, vaginal geborene Neugeborene selbstverständlich sein. Mehrere Empfehlungen gelten explizit auch für Mutter-Kind-Paare nach Sectio, sowie für Frühgeborene und Low-Birth-Weight-Kinder (LBW), sofern es der Gesundheitszusand von Mutter und Kind zulässt. Dieser Standard wird häufig auch als "Zero Seperation Konzept" bezeichnet.
Für die Mutter und das Neugeborene ist dieses Vorgehen von großer Bedeutung:
Lesen Sie dazu auch unsere folgenden Artikel:
Auch wenn die Geburt per Sectio erfolgte und/oder das Kind zu früh geboren ist, ist es möglich, Mutter und Kind in intensiven und ausgedehnten Hautkontakt zu bringen. Lesen Sie dazu unseren wichtigen Artikel → Die Bedeutung des direkten Hautkontakts für ALLE Neugeborenen


Obwohl die Anpassung bestehender Strukturen und Routinen zunächst eine Herausforderung für das Team darstellen kann, zeigt die wissenschaftliche Evidenz eindeutig, dass ein konsequent ermöglichter, ununterbrochener Hautkontakt langfristig zu einer spürbaren Entlastung des Personals führt. Daher sollten interdisziplinäre Strategien entwickelt werden, um diese Praxis nachhaltig im klinischen Alltag zu verankern.
Hierzu gibt es das aktualisierte ABM-Protokoll #7 – Model Maternity Policy welches als Vorlage zur Erarbeitung klinikeigener Standards für geburtshilfliche Einrichtungen verwendet werden kann.
Ein gelungener Stillstart entlastet das Personal auf mehreren Ebenen: Stabilere Blutzuckerwerte und niedrigere Bilirubinwerte machen weniger Kontrollen und therapeutische Maßnahmen erforderlich. Gleichzeitig treten seltener ein ausgeprägter Gewichtsverlust oder Stillprobleme auf, wodurch weniger Zufütterungen, Beratungen und Nachkontrollen notwendig sind. Auch Komplikationen wie wunde Mamillen oder eine schmerzhafte Initiale Brustdrüsenschwellung ("Milcheinschuss") kommen seltener vor, sodass der Bedarf an intensiver Stillberatung und unterstützenden Maßnahmen sinkt. Eltern fühlen sich sicherer im Umgang mit ihrem Kind, das Selbstvertrauen der Mutter wird gestärkt und der Betreuungsbedarf nimmt insgesamt ab.


Ann-Marie Widström und ihr Forschungsteam entdeckten bereits in den 1990er Jahren, dass gesunde Neugeborene, die unmittelbar nach der Geburt im direkten und ungestörten Hautkontakt mit ihrer Mutter verbleiben ("Bonding"), sich auf eine bestimmte Weise verhalten – sie durchlaufen gewissermaßen ein vorprogrammiertes physiologisches Muster, das in mehreren Schritten abläuft, und dazu führt, dass das Baby sich schließlich selbständig zur Brust der Mutter begibt und dort andockt (Self-Attachment). Einige Autor:innen verwenden für diesen Vorgang den Begriff „breast crawl“.
Die folgenden frei verfügbaren Videos verdeutlichen den Prozess und zeigen die verschiedenen Stadien:
→ Global Health Media Project: Early Initiation of Breastfeeding (Englisch, für Fachkräfte)
→ Global Health Media Project: Stillen in den ersten Stunden nach der Geburt (Deutsch, für Mütter)
→ Jennifer Pitkin: Breastcrawl
Dieser natürliche Prozess ist ausführlich wissenschaftlich untersucht und beschrieben worden. Eine aktuelle, umfassende und vollständig frei zugängliche Publikation dazu finden Sie hier:
→ Skin‐to‐skin contact the first hour after birth, underlying implications and clinical practice (Widström et al., 2019)


Intuitives Stillen ist die logische Folge des direkten ununterbrochenen Hautkontakts während der ersten Stunden nach der Geburt, in denen das Baby selbst zur Brust findet. Sie ist die hilfreichste Stillposition für die ersten Tage und Wochen, sowohl in der Klinik als auch Zuhause.
Lesen Sie dazu auch unsere Fachseite → Anlegen und Positionieren
Die Erkenntnisse zur Bedeutung des ungestörten Bondings und der daraus resultierenden Erleichterung für den Stillbeginn haben sich bereits in einer Reihe von Empfehlungen und Leitlinien niedergeschlagen:

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