Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Stillen im Kontext von Traumata und vorangegangenen psychischen Herausforderungen

Anlage zum EISL-Newsletter Mai 2026

Breastfeeding in the Context of Trauma and Previous Psychological Experiences: A Narrative Review
Purkiewicz A, Regin KJ, Pietrzak-Fiećko R. Nutrients. 2026; 18(3):455. https://doi.org/10.3390/nu18030455

Das wichtigste in Kürze:

  • Psychische Herausforderungen in der Vergangenheit und Traumata können sich auf den Stillwunsch, den Stillbeginn, die Stilldauer und die emotionale Auseinandersetzung mit dem Stillen auswirken
  • Stillen wirkt sich umgekehrt auf die Psyche der Mutter aus: Stillprobleme können die psychische Situation verschlechtern, eine gelingende Stillbeziehung wirkt hingegen protektiv gegen postpartale Depressionen und stärkt die Selbstwirksamkeit der Mutter
  • Ein aktueller Review-Artikel beleuchtet verschiedene Studien, in denen die Wechselwirkung zwischen Stillen und psychischen Belastungssituationen untersucht wurden – dabei wurden besonders vorangegangene Traumata berücksichtigt
  • Traumata der Mutter (aus der Kindheit oder auch im Erwachsenenleben) können starke Auswirkungen auf das Stillen und auf die Mutter-Kind-Bindung haben. Empathische Begleitung, gute psycho-soziale Betreuung und wertschätzende Kommunikation unterstützen hingegen das Stillen, auch bei Frauen mit Trauma-Hintergrund

Dass ein Zusammenhang zwischen der mütterlichen psychischen Gesundheit und dem Stillen besteht, ist bereits seit längerem bekannt (lesen Sie dazu z.B. auch unsere Artikel aus →  06/2016, → 01/2021 und → 07/2021)

Ein aktueller Review-Artikel eines polnischen Teams beleuchtet nun diese Zusammenhänge nochmals umfassend, unter besonderer Berücksichtigung von vorangegangenen Traumata und psychischen Belastungssituationen. Das Review schloss 221 Studien aus den Jahren 2020 bis 2025 ein, ist also höchst aktuell.

Kindliche Traumata und Traumata im Erwachsenenalter
Kindliche Traumata verändern die Art und Weise, wie Menschen auf herausfordernde Situationen reagieren. Frühkindliche Bindungserfahrungen und -muster setzen sich bis ins Erwachsenenalter fort und sind häufig prägend für alle folgenden Beziehungen. Missbrauch und Vernachlässigung im Kindesalter führt häufig zu Schwierigkeiten in der Emotionsregulation und erhöht das Risiko für Suchterkrankungen, Ängste, Depression, Schlafstörungen und ein niedriges Selbstwertgefühl, sowie selbstverletzendes Verhalten.
Das Selbstbild einer Mutter, ihre Einstellung zum Stillen, ihre Zuversicht in die eigene Kompetenz sowie ihre Fähigkeit zur differenzierten liebevollen Kommunikation und Bindung mit ihrem Baby, können durch vorangegangene Traumata negativ beeinflusst werden. "Eltern werden" ist ein Prozess, der eine große Anpassungsleistung auch auf psychischer Ebene verlangt. Schlafmangel und körperliche Erschöpfung stellen zusätzliche Herausforderungen dar.
Mütter, die mit emotionaler Dysregulation kämpfen oder unsichere Bindungsmuster verinnerlicht haben, können Schwierigkeiten haben, die Signale ihres Babys richtig zu deuten. Dies kann auch zu Stillproblemen (z.B. einer zu geringen Gewichtszunahme durch zu seltenes Anlegen) führen.

Traumatische Erfahrungen im Erwachsenenalter (z.B. Partnerschaftsgewalt oder Fehlgeburten) können sich ebenfalls negativ auf das Stillen auswirken. Auch die Kinder von Müttern aus Gewaltbeziehungen zeigen häufig emotionale und Verhaltensauffälligkeiten, was jedoch durch erfolgreiches Stillen reduziert werden kann.
Stillen nach traumatischer Geburt oder vorangegangener Fehlgeburt kann Erinnerungen an das Trauma auslösen, kann jedoch auch als "heilend" empfunden werden und Mütter in ihrer Selbstwirksamkeit stärken.

Psychische Erkrankungen
Postpartale Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen und betreffen ca. 10 - 20 % aller Frauen. Vorangegangene Traumata oder psychische Erkrankungen erhöhen das Risiko für postpartale Depressionen, außerdem kann auch eine genetische/ familiäre Komponente eine Rolle spielen.
Hormonelle Faktoren nach der Geburt tragen zu einer erhöhten Vulnerabilität für die mütterliche Psyche bei, ebenso wie mangelnde emotionale und praktische Unterstützung, Stress und Schlafmangel.
Still- und Bindungsprobleme können als Folge von postpartalen Depressionen auftreten, umgekehrt diese aber auch mit verursachen, wenn die Mutter keine adäquate Stillunterstützung erhält und ihr "Scheitern" sie in ihrer Unsicherheit und einer möglichen niedrigen Selbstwirksamkeit bestätigt.

Auch Angststörungen können sich während der Schwangerschaft oder peripartal entwickeln und in Folge zu Stillproblemen und einer verkürzten Stilldauer beitragen. Angststörungen gehen häufig mit einer Störung des Oxytocinsystems einher, was den Milchspendereflex behindern kann und zudem den Bindungsprozess erschwert. Angststörungen und postpartale Depressionen können auch gemeinsam auftreten.

Zwangsstörungen und Ess-Störungen gehören ebenfalls in das Spektrum der psychischen Erkrankungen, die sich peri- und postnatal verstärken können und dadurch auch Einfluss auf das Stillen haben können.

Neurohormonelle und emotionale Regulation
Ein ausführlicher Abschnitt des ponischen Review-Artikels widmet sich den zugrundeliegenden Mechanismen, die für die Wechselwirkung der psychischen Herausforderungen mit dem Stillen sorgen. Prolaktin und Oxytocin spielen dabei ebenso eine Rolle wie Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeit und Körperbild der Mutter.

Soziale Einbindung, emotionale Unterstützung
Eine Vielzahl von Studien zeigt: gute Einbindung in ein soziales Netz, emotionale und praktische Unterstützung, sowie eine wertfreie und wertschätzende Begleitung (auch auf professioneller Ebene) bieten großes Potential, auch bei Frauen in besonders herausfordernden psychischen Situationen für eine Stabilisierung zu sorgen. Eine gute Still-Unterstützung kann explizit dazu beitragen, Mütter in ihrem Kompetenzempfinden zu stärken und ihnen eine bessere Mutter-Kind-Bindung zu ermöglichen.

Der vollständige Review-Artikel (englisch) ist → hier erhältlich.


© Mai 2026, Anja Bier, IBCLC
und das EISL-Newsletter-Team:
Rhiannon Grill, IBCLC; Natalie Groiss, IBCLC; Simone Lehwald, IBCLC; Gabriele Nindl, IBCLC; Gudrun von der Ohe, Ärztin und IBCLC

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