Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Körperkontakt, Berührung und Stillen bei postpartaler Depression

Anlage zum Newsletter Juli 2021

Affectionate Touch in the Context of Breastfeeding and Maternal Depression Influences Infant Neurodevelopmental and Temperamental Substrates
Hardin J.S., Jones N.A., Mize K.D. and Platt M. Neuropsychobiology 2021;80:158–175. DOI: https://doi.org/10.1159/000511604

Das wichtigste in Kürze:

  • Depressionen gehören zu den häufigsten und am meisten unterschätzten Erkrankungen. Postpartale Depressionen stellen neben anderen Auswirkungen auch ein Risiko für die Mutter-Kind-Interaktion und den Bindungsaufbau dar.
  • Psychische Erkrankungen stellen einen Risikofaktor für das Stillen dar, daher benötigen diese Mutter-Kind-Paare nach Möglichkeit schon in der Schwangerschaft gute Angebote sowie eine intensivere Begleitung zum Stillen (prä- und postpartal)
  • Stillen wirkt schützend: Körperkontakt und liebevolle Berührung werden verstärkt, der Bindungsaufbau unterstützt und eine gesunde Gehirnentwicklung des Kindes gefördert

Dass Stillen vielfältige Auswirkungen auf die mütterliche psychische Gesundheit hat, ist bereits bekannt (s. dazu unser → Artikel von Januar 2021). Somit ist gute Stillberatung essentiell, auch dazu haben wir bereits berichtet (s. unser → Artikel von Juni 2016).
Dass die kindliche Hirnentwicklung von direktem Blick-Kontakt und zugewandter Kommunikation profitiert, zeigten wir in unserem → Artikel vom Januar 2020 – und gleichzeitig wissen wir, dass gerade diese Interaktion zwischen depressiven Müttern und ihren Kindern erschwert sind.

Depressionen gehören zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen. Die schon seit einigen Jahren zu den großen Volkskrankheiten gezählte Depression betrifft etwa 6% der erwachsenen Bevölkerung. Etwa jeder achte Mann und etwa jede vierte Frau erkrankt im Laufe des Lebens mindestens einmal an einer depressiven Episode, das bedeutet Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. Auch vor dem Hintergrund der weltweiten COVID-19 Pandemie sind psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch und treten vor allem bei so genannten „Life Events“ auf.

Die Geburt eines Kindes gehört zu den ganz besonderen Ereignissen im Leben einer Frau. In den Wochen nach der Geburt muss nicht nur der Körper eine erhebliche Umstellungsleistung erbringen, auch von der Psyche wird eine enorme Anpassung erwartet. Während die Mutter nach der Geburt gefordert ist, sich um ihr Kind zu kümmern und die Milchbildung zu etablieren, muss der Körper mit dem raschen Absinken der plazentaren Hormone zurechtkommen.
Auch das Neugeborene leistet Erhebliches: vom mütterlichen Versorgungssystem getrennt, muss es nun selbst für die Nahrungsaufnahme sorgen und lernen, seine Emotionen im Spiegel mit seiner Mutter zu bewältigen.

Dieser komplexe neuroendokrine und verhaltensgesteuerte Prozess stellt große Anforderungen an die Mutter-Kind-Dyade und ist nicht selten mit Schwierigkeiten behaftet. Vom harmlosen „Baby blues“ über Postnatale Depressionen bis hin zur schweren Wochenbettpsychose können psychische Störungen bereits am ersten Tag nach der Entbindung auftreten. Rückblickend erkennt man häufig, dass bereits in der Schwangerschaft erste Symptome erkennbar waren.

Eine Studie von 2019 mit 206 Mutter-Kind-Paaren, die vom letzten Trimenon der Schwangerschaft bis 12 Monate postpartum begleitet wurden, zeigte, dass Depressionen und Angststörungen bereits in der Schwangerschaft den Stillwunsch verringerten und zu einem erhöhten Risiko für frühe Formula-Gabe und frühem Abstillen führten. Die Studie (englisch) ist vollständig und frei verfügbar → hier zu finden.

Die aktuelle Studie von 2021, auf die wir nun noch näher eingehen möchten, befasst sich mit den Zusammenhängen zwischen Stillen, zärtlicher Berührung als Indikator für eine positive Mutter-Kind-Interaktion und Bindung, sowie den Auswirkungen auf die kindliche Hirnentwicklung.
Frühere Studien konnten bereits zeigen, dass depressive Mütter ihre Kinder seltener liebevoll und situationsangepasst berühren als gesunde Mütter. Andere Studien ergaben, dass zwischen (gesunden) Mutter-Kind-Paaren, die stillten, häufiger liebevolle Berührung stattfinden als zwischen Mutter-Kind-Paaren, bei denen das Kind mit der Flasche gefüttert wird.

Die aktuelle Studie aus Florida untersuchte 76 Mutter-Kind-Paare nach 1 Monat und 3 Monaten postpartal, indem Interaktions- und Fütter-Situationen zwischen Mutter und Kind auf Video aufgezeichnet und ausgewertet wurden. Außerdem wurden die kindlichen Gehirnströme gemessen.
Es wurde festgestellt, dass stillende Mütter ihre Kinder häufiger liebevoll berührten als nicht-stillende und dass dieser Effekt besonders bei Müttern mit Depressions-Symptomen einen wichtigen Unterschied machte. Obwohl der Blickkontakt in dieser Gruppe ja häufig eingeschränkt ist, gilt dies offenbar nicht für die zärtliche Berührung. Auch umgekehrt war zu beobachten: gestillte Kinder berührten ihre Mutter häufiger liebevoll als nicht-gestillte Kinder und auch hier war der Effekt bei Kindern von depressiven Müttern besonders sichtbar.

Wie in früheren Studien erforscht, zeigten auch in der aktuellen Studie die Kinder von depressiven Müttern eine veränderte Hirnaktivität im Vergleich zu Kindern von gesunden Müttern. Und wieder galt dies in geringerem Maß für gestillte Kinder als für flaschenernährte Kinder.
Zusammenfassend kann man somit feststellen: Stillen wirkt schützend und kann bei Mutter-Kind-Paaren mit einer mütterlichen Depression die negativen Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Interaktion und die kindliche Hirnentwicklung abmildern.

Die Studie (englisch) ist vollständig frei zugänglich → hier zu finden.

© Juli 2021, Natalie Groiss (IBCLC)
und das EISL-Newsletter-Team: Anja Bier, IBCLC; Gabriele Nindl, IBCLC; Gudrun von der Ohe, IBCLC

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