Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Coronavirus/ COVID-19 und Stillen: Aktuelle internationale Empfehlungen

Anlage zum Newsletter März, April, Mai, Juni und Juli 2020

Erste Version dieses Artikels: 04.03.2020, letzte Aktualisierung: 31.07.2020


Glossar:

SARS-CoV2: der Erreger der aktuellen Pandemie (häufig einfach als "Coronavirus" bezeichnet, allerdings genaugenommen ein Virus, das, wie schon andere Viren zuvor, aus der Familie der Coronaviren stammt)

COVID-19: die Erkrankung, die durch Infektion mit SARS-CoV2 entsteht


Die weltweite Pandemie hat auch in den deutschsprachigen Ländern zu großen Veränderungen unseres Alltags geführt. Als medizinisches Fachpersonal begleiten wir auch Schwangere oder Stillende, die an COVID-19 erkrankt sind oder als Kontaktperson eines Infizierten gelten und somit als Verdachtsfall eingestuft werden.

In diesem Artikel, der regelmäßig aktualisiert wird, fassen wir den aktuellen Stand der Empfehlungen international anerkannter Gremien auf deutsch zusammen und listen relevante Quellen auf, die Ihnen für tiefergehende Informationen zur Verfügung stehen.

Zum Schutz des medizinischen Betreuungspersonals soll der Kontakt mit unter Verdacht stehenden oder sicher infizierten Schwangeren und Stillenden nach Maßgabe der aktuellen Empfehlungen für die Betreuung solcher Patienten erfolgen (Schutzkleidung, Isolierzimmer etc.) – informieren Sie sich dazu z.B. beim → Robert-Koch-Institut (RKI) in Deutschland oder beim US-amerikanischen → Center for Disease Control (CDC).

Auch wenn mehr und mehr Studien rund um das Virus weltweit veröffentlicht werden, gibt es noch immer keine ausreichende Datenbasis, um abschließende Aussagen zur speziellen Situation von Schwangeren oder Stillenden zu treffen. Aus früheren Untersuchungen zu SARS und MERS, die mit SARS-CoV2 verwandte Erreger aufweisen, werden daher international in Kombination mit den bisherigen Erkenntnissen zur aktuellen Erkrankung vorläufige Einschätzungen vorgenommen, die stetig angepasst werden.

Zusammenfassung der derzeitigen internationalen Empfehlungen

Wir beziehen uns in unserer untenstehenden Zusammenfassung auf folgende Quellen:

Stillende Frauen (nach den ersten Tagen)

Bisher sind weltweit nur sehr wenige Einzelfälle beschrieben, in denen der Erreger in Muttermilch gefunden wurde. In allen Fällen handelte es sich nicht um Erreger, die das Potenzial zur Vermehrung und Infektion einer anderen Person hatten, eine Übertragung durch das Stillen gilt weiterhin als unwahrscheinlich. Die Übertragung von SARS-CoV2 erfolgt typischerweise über Mund/Nase und Augen sowie möglicherweise Stuhl.

Eine bereits zuvor stillende Mutter, die als Verdachtsfall gilt oder bestätigt mit SARS-CoV2 infiziert ist, sollte Maßnahmen treffen, um eine Übertragung auf ihr Kind zu vermeiden, ohne das Stillen zu beenden. Dazu gehört:
• gründliches Händewaschen/ Desinfizieren vor und nach dem Stillen sowie vor und nach jedem Kontakt zum Kind
• Tragen eines geeigneten Mundschutzes bei jedem Kontakt mit dem Kind

Ein Weiterstillen ist möglich. Sofern sich die Mutter gesundheitlich nicht dazu in der Lage fühlt, kann sie Muttermilch abpumpen und diese kann durch eine gesunde Betreuungsperson ohne Einschränkung verfüttert werden.
Wenn die Mutter Milch abpumpt, ist auf intensive Handhygiene zu achten, Gefäße und Pump-Sets sollten nach jedem Gebrauch sterilisiert werden.

Schwangere und Peripartum-Management

Grundsätzlich ist zu unterscheiden, ob es sich bei der Schwangeren um einen Verdachtsfall oder um eine bereits bestätigte Infektion handelt. Wenn eine bislang nicht getestete, aber unter Verdacht stehende werdende Mutter in die Geburt eintritt, ist es dringend notwendig, so rasch als möglich eine Testung und Abklärung durchzuführen. Wenn eine Infektion ausgeschlossen werden kann, bedeutet dies für Mutter, Kind und auch das betreuende Personal eine enorme Erleichterung der Situation.

Eine Übertragung durch die infizierte Schwangere auf das ungeborene Kind im Mutterleib ist unwahrscheinlich, bisher sind keine derartigen Fälle beschrieben worden. Schwangere scheinen im Grundsatz nicht häufiger von der Infektion betroffen zu sein als andere Bevölkerungsteile in vergleichbarem Alter und Gesundheitszustand. Es gibt Hinweise darauf, dass schwangere Infizierte seltener Symptome entwickeln.

Der Geburtsmodus sollte anhand geburtshilflicher Indikationen und dem Wunsch der Frau individuell festgelegt werden. WHO und DGGG empfehlen, eine Sectio nur durchzuführen, wenn dies medizinisch notwendig ist, z.B. bedingt durch den Gesundheitszustand der Mutter.

Die internationalen Empfehlungen zu einer potentiellen Mutter-Kind-Trennung bei gesicherter Infektion der Mutter sind derzeit uneinheitlich. Die meisten Fachgesellschaften empfehlen bisher, dass das Kind gemeinsam mit der Mutter isoliert wird und im Rooming-In verbleibt. Sie wird in diesem Fall uneingeschränkt mit dem Stillen beginnen, während sie sorgfältig alle notwendigen Hygiene-Maßnahmen beachtet, um die Ansteckungsgefahr für das Kind zu minimieren – insbesondere muss sie bei jedem Kontakt zum Kind einen Mundschutz tragen.
Die deutschsprachigen Empfehlungen und die WHO raten zu uneingeschränktem Haut-zu-Haut-Kontakt, bei Vermeidung von Schleimhaut-Austausch ("Streicheln ja, Küssen nein").
Die amerikanischen Institutionen CDC und AAP raten eher dazu, Mutter und Kind zu trennen, bis die Testergebnisse der Mutter wieder negativ sind. Dies gilt natürlich in jedem Fall, wenn die Mutter so krank ist, dass sie sich nicht selbst um das Kind kümmern kann.

Ein Neugeborenes, das von einer positiv getesteten Mutter geboren wurde, gilt als Kontaktperson/ Verdachtsfall.
Momentan beinhalten die Empfehlungen, dass es in diesem Fall bis zum Abschluss der Testung, ob es selbst infiziert ist, von gesunden Angehörigen oder medizinischem Personal ebenfalls nur in Schutzkleidung betreut werden darf. Im Interesse des Neugeborenen ist es daher wichtig, eine rasche Testung vorzunehmen.

Nachdem Muttermilch nicht als wahrscheinlicher Überträger des Virus gilt, kann die Mutter bei einer Trennung ihre Muttermilch abpumpen und die Milch kann dem Baby uneingeschränkt gegeben werden. Beim Abpumpen sind besondere Hygienemaßnahmen zu beachten (s.o.). Sobald die Mutter nicht mehr ansteckend ist, kann sie zum direkten Stillen an der Brust übergehen.

Fragen aus der Praxis für Gesundheitspersonal, das schwangere und stillende Frauen begleitet

Seit die Pandemie im deutschsprachigen Raum angekommen ist, werden unsere Dozentinnen und Mitarbeiterinnen häufig nach konkreten Empfehlungen für die Praxis gefragt. Deshalb haben wir im April 2020 einen eigenständigen Artikel dazu veröffentlicht, den Sie ergänzend zu den obigen Informationen lesen können:

© März, April, Mai, Juni und Juli 2020, Anja Bier (IBCLC) für den Newsletter des Europäischen Instituts für Stillen und Laktation, Mitarbeit: Gabriele Nindl, IBCLC und Gudrun von der Ohe, IBCLC und Ärztin

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