Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Coronavirus/ COVID-19 und Stillen: Aktuelle internationale Empfehlungen

Anlage zu mehreren EISL-Newslettern 2020 und 2021

Letzte Aktualisierung: 26.11.2021, erste Version des Artikels: 04.03.2020

Glossar:

SARS-CoV2: der Erreger der aktuellen Pandemie (häufig einfach als "Coronavirus" bezeichnet, allerdings genaugenommen ein Virus, das, wie schon andere Viren zuvor, aus der Familie der Coronaviren stammt)

COVID-19: die Erkrankung, die durch Infektion mit SARS-CoV2 entsteht

Das wichtigste in Kürze:

  • Infizierte Mütter bemühen sich, durch Hygienemaßnahmen im Kontakt mit dem Baby die Übertragung zu verhindern, stillen aber ansonsten normal weiter (keine Übertragung durch die Muttermilch)
  • Unmittelbar nach der Geburt weiterhin Hautkontakt und Stillbeginn wie sonst auch, unter Hygienemaßnahmen (Maske etc.)
  • Wenn die Mutter zu krank ist, um das Baby zu versorgen, kann Muttermilch abgepumpt und ohne Einschränkungen verabreicht werden
  • Schwangere und Stillende sollen laut Empfehlungen der deutschsprachigen Fachgesellschaften und Impfkommissionen geimpft werden. Auch die deutsche STIKO sowie die schweizerische EKIF haben sich seit September 2021 damit den internationalen Empfehlungen angeschlossen
  • Erste Daten zeigen, dass Frauen mit Impfschutz die Antikörper über die Plazenta sowie die Muttermilch weitergeben und damit auch das Kind indirekt schützen

Direkt zum AbschnittInfektion/ Erkrankung: Zusammenfassung der derzeitigen Empfehlungen

Direkt zum AbschnittImpfung: Zusammenfassung der derzeitigen Empfehlungen

Die weltweite Pandemie hat auch in den deutschsprachigen Ländern zu großen Veränderungen unseres Alltags geführt. Als medizinisches Fachpersonal begleiten wir auch Schwangere oder Stillende, die an COVID-19 erkrankt sind oder die als Verdachtsfall/Kontaktperson eingestuft werden.

Zum Schutz des medizinischen Betreuungspersonals soll der Kontakt mit unter Verdacht stehenden oder sicher infizierten Schwangeren und Stillenden nach Maßgabe der aktuellen Empfehlungen für die Betreuung solcher Patienten erfolgen (Schutzkleidung, Isolierzimmer etc.) – informieren Sie sich dazu z.B. beim → Robert-Koch-Institut (RKI) in Deutschland oder beim US-amerikanischen → Center for Disease Control (CDC).

In diesem Artikel, der regelmäßig aktualisiert wird, fassen wir den aktuellen Stand der Empfehlungen international anerkannter Gremien auf deutsch zusammen und listen relevante Quellen auf, die Ihnen für tiefergehende Informationen zur Verfügung stehen.

Infektion/ Erkrankung: Zusammenfassung der derzeitigen Empfehlungen

Quellen für die folgende Zusammenfassung:

Stillende Frauen (nach den ersten Tagen)

Bisher sind weltweit nur sehr wenige Einzelfälle beschrieben, in denen Bestandteile des Erregers in Muttermilch gefunden wurde. In allen Fällen handelte es sich nicht um Erreger, die das Potenzial zur Vermehrung und Infektion einer anderen Person hatten, eine Übertragung durch das Stillen gilt weiterhin als unwahrscheinlich. Die Übertragung von SARS-CoV2 im direkten zwischenmenschlichen Kontakt erfolgt vorrangig über Tröpfchen und Aerosole.

Hingegen wurde in Muttermilch eine hohe Zahl an Antikörpern bei/nach Infektion der Mutter gefunden, teilweise früher und in deutlicherer Konzentration als im Serum. Daher stellt ein Weiterstillen höchstwahrscheinlich sogar einen aktiven Infektionsschutz für das gestillte Kind dar.

Eine bereits zuvor stillende Mutter, die nun als Verdachtsfall gilt oder bestätigt mit SARS-CoV2 infiziert ist, sollte Maßnahmen treffen, um eine Übertragung auf ihr Kind zu vermeiden, ohne das Stillen zu beenden. Dazu gehört:
• gründliches Händewaschen/ Desinfizieren vor und nach dem Stillen sowie vor und nach jedem Kontakt zum Kind
• Tragen eines geeigneten Mundschutzes bei jedem Kontakt mit dem Kind

Ein Weiterstillen ist möglich. Sofern sich die Mutter gesundheitlich nicht dazu in der Lage fühlt, kann sie Muttermilch abpumpen und diese kann durch eine gesunde Betreuungsperson ohne Einschränkung verfüttert werden.
Wenn die Mutter Milch abpumpt, ist auf intensive Handhygiene zu achten, Gefäße und Pump-Sets sollten nach jedem Gebrauch sterilisiert werden.

Schwangere und Peripartum-Management

Grundsätzlich ist zu unterscheiden, ob es sich bei der Schwangeren um einen Verdachtsfall oder um eine bereits bestätigte Infektion handelt. Wenn eine bislang nicht getestete, aber unter Verdacht stehende werdende Mutter in die Geburt eintritt, ist es dringend notwendig, so rasch als möglich eine Testung und Abklärung durchzuführen. Wenn eine Infektion ausgeschlossen werden kann, bedeutet dies für Mutter, Kind und auch das betreuende Personal eine enorme Erleichterung der Situation.

Eine Übertragung durch die infizierte Schwangere auf das ungeborene Kind im Mutterleib ist eventuell möglich aber sehr unwahrscheinlich. Schwangere scheinen im Grundsatz nicht häufiger von der Infektion betroffen zu sein als andere Bevölkerungsteile in vergleichbarem Alter und Gesundheitszustand. Schwangere haben häufig einen asymptomatischen Verlauf, wenn sie jedoch Symptome entwickeln, liegt ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe vor, insbesondere bei Vorliegen von sonstigen Risikofaktoren.

Der Geburtsmodus sollte unabhängig von einer SARS-CoV2-Infektion anhand geburtshilflicher Indikationen und dem Wunsch der Frau individuell festgelegt werden. WHO und die deutschsprachigen Fachgesellschaften empfehlen, eine Sectio nur durchzuführen, wenn dies medizinisch notwendig ist, z.B. bedingt durch den Gesundheitszustand der Mutter.

Die internationalen Empfehlungen zu einer potentiellen Mutter-Kind-Trennung bei gesicherter Infektion der Mutter sind in den letzten Monaten zu einem Konsens gekommen: das Kind sollte gemeinsam mit der Mutter isoliert und im Rooming-In verbleiben, sofern es der Gesundheitszustand der Mutter zulässt. Mütter sollen direkt nach der Entbindung uneingeschränkt den Haut-zu-Haut-Kontakt mit ihrem Kind durchführen und mit dem Stillen beginnen, während sie sorgfältig alle notwendigen Hygiene-Maßnahmen beachten, um die Ansteckungsgefahr für das Kind zu minimieren. Dazu sollte bei jedem Kontakt zum Kind ein Mund-Nase-Schutz getragen und gute Handhygiene betrieben werden.
Die deutschsprachigen Fachgesellschaften raten zu uneingeschränktem Haut-zu-Haut-Kontakt, bei Vermeidung von Schleimhaut-Austausch ("Streicheln ja, Küssen nein").

Neugeborene von infizierten Müttern sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht gesundheitlich gefährdeter als andere Kinder. Sofern sie sich tatsächlich mit SARS-CoV2 infizieren, ist der Krankheits-Verlauf in nahezu allen Fällen mild.

Eine Trennung von Mutter und Kind scheint das Übertragungsrisiko nicht zu verringern. Sollte eine Trennung wegen des Gesundheitszustands der Mutter notwendig sein, ist gut zu überlegen, wo und durch wen das Neugeborene betreut werden kann. Ein Kind, das von einer positiv getesteten Mutter geboren wurde, gilt als Kontaktperson/ Verdachtsfall.
Momentan beinhalten die Empfehlungen, dass es in diesem Fall bis zum Abschluss der Testung, ob es selbst infiziert ist, von gesunden Angehörigen oder medizinischem Personal ebenfalls nur in Schutzkleidung betreut werden darf. Im Interesse des Neugeborenen ist es daher wichtig, eine rasche Testung vorzunehmen.

Nachdem Muttermilch nicht als wahrscheinlicher Überträger des Virus gilt, kann die Mutter bei einer Trennung ihre Muttermilch abpumpen und die Milch kann dem Baby uneingeschränkt gegeben werden. Beim Abpumpen sind besondere Hygienemaßnahmen zu beachten (s.o.).

Fragen aus der Praxis für Gesundheitspersonal, das schwangere und stillende Frauen begleitet

Seit die Pandemie im deutschsprachigen Raum angekommen ist, werden unsere Dozent*innen und Mitarbeiter*innen häufig nach konkreten Empfehlungen für die Praxis gefragt. Deshalb haben wir einen eigenständigen Artikel dazu veröffentlicht, den Sie ergänzend zu den obigen Informationen lesen können:

Impfung: Zusammenfassung der derzeitigen Empfehlungen

Quellen für die folgende Zusammenfassung:

Die Datenlage für die Impfung von Schwangeren und Stillenden hat sich in den letzten Monaten deutlich verbessert, da immer mehr Untersuchungen aus anderen Ländern vorliegen, in denen Schwangere und Stillende zum Teil bereits in großer Zahl geimpft wurden.

Die internationalen Fachgesellschaften sind sich einig:

• Schwangere ab dem zweiten Trimenon und Stillende sollten uneingeschränkt geimpft werden. Um Schwangere im ersten Trimenon indirekt zu schützen, sollten außerdem enge Kontaktpersonen sowie betreuendes medizinisches Personal geimpft sein.

• Aufgrund des Risikos für einen schweren Verlauf der Erkrankung ist unter den derzeit hohen Inzidenzen ist die Impfung für Schwangere besonders wichtig und sollte sobald als möglich erfolgen. Im November 2021 haben sich außerdem alle deutschsprachigen Fachgesellschaften und Empfehlungskommissionen dafür ausgesprochen, Schwangere und Stillende dringend mit Booster-Impfungen auszustatten, um das Risiko einer Erkrankung bei nachlassendem Impfschutz zu verringern.

• Es gibt Hinweise darauf, dass die Immunreaktion der Mutter auch das Ungeborene sowie das gestillte Kind schützt, indem Antikörper über die Plazenta und über die Muttermilch an das Kind weitergegeben werden.

© März, April, Mai, Juni, Juli und Oktober 2020, Januar, Februar, April, Juli, September und November 2021, Anja Bier (IBCLC)
und das EISL-Newsletter-Team: Natalie Groiss, IBCLC; Gabriele Nindl, IBCLC; Gudrun von der Ohe, IBCLC

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