Europäisches Institut für Stillen und Laktation

DGKJ-Positionspapier: Marketingpraktiken der Säuglingsnahrungsindustrie zu Oligosacchariden

Anlage zum EISL-Newsletter September 2022

Infant formulas with synthetic oligosaccharides and respective marketing practices: Position Statement of the German Society for Child and Adolescent Medicine e.V. (DGKJ), Commission for Nutrition.
Bührer, C., Ensenauer, R., Jochum, F. et al. Mol Cell Pediatr 9, 14 (2022). DOI: https://doi.org/10.1186/s40348-022-00146-y

Das wichtigste in Kürze:

  • Menschliche Muttermilch enthält über 150 verschiedene Oligosaccharide (in der Literatur ist teilweise von über 200 verschiedenen die Rede). Abhängig von der Ernährung, dem Lebensstil und den Gewohnheiten der Mutter, sowie genetischen Komponenten, verändert sich das individuelle Oligosaccharid-Profil der Muttermilch.
  • Oligosaccharide sind Bestandteil des Immunsystems und beeinflussen das Microbiom im Magen-Darm-Trakt des gestillten Säuglings.
  • Einige wenige Oligosaccharide sind derzeit künstlich herstellbar und werden von manchen Herstellern ihren Säuglingsnahrungen zugesetzt. Sie werben dabei oft mit Begriffen wie "Muttermilch-Oligosaccharide" oder "humane Oligosaccharide". Die DGKJ kritisiert diese Praxis und sieht darin einen Verstoß gegen geltende Gesetze.

Humane Oligosaccharide (HMOs) in Muttermilch sind derzeit Gegenstand intensiver Erforschung und noch wissen wir nur in Teilen, was sie bewirken. Bekann ist, dass über 200 verschiedene (das Positionspapier spricht von über 150) Oligosaccharide in Muttermilch vorhanden sind und dass die individuelle Zusammensetzung und Kombination von verschiedenen Faktoren abhängt: dem Lebensstil und der Ernährung der Mutter sowie genetischen Komponenten.

Seit einigen Jahren können Säuglingsnahrungshersteller wenige HMOs künstlich produzieren und setzen sie ihren Nahrungen zu. Bisherige Studien zeigen keinen negativen Effekt oder Risiken für die Säuglinge durch diese Praxis, allerdings sind auch die erhofften positiven Auswirkungen derzeit nicht ausreichend belegbar.
Das deutsche → Bundesinstitut für Risikobewertung BfR (2020) und die aktuelle → AWMF-Leitlinie zur Allergieprävention (2022) raten vom Zusatz der HMOs in Säuglingsnahrung ab.

Die Hersteller versprechen jedoch teilweise vollmundig anderes: Slogans wie "Zusatz von Muttermilch-Oligosacchariden" oder "humane Oligosaccharide" werden auf den Packungen aufgedruckt und in Werbekampagnen betont. Dabei wird impliziert, dass künstliche Säuglingsnahrung nun diesselben Inhaltsstoffe vorweisen kann wie Muttermilch, was sowohl bezüglich der Anzahl und Variabilität der enthaltenen Oligosaccharide falsch ist als auch bezüglich der erhofften Auswirkungen. Zudem kann ein künstlich hergestellter Stoff niemals "human" sein.

Die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) hat in einem aktuellen Positionspapier diese Zusammenhänge dargestellt und kritisiert die Marketingpraktiken der Hersteller. Nach Auffassung der DGKJ stellen die verwendeten Begriffe sogar Verstöße gegen geltende Gesetze dar, die ausdrücklich die Gleichsetzung mit Muttermilch und Wendungen wie "maternisiert" oder "humanisiert" verbieten.

Das Positionspapier liegt im Original in einer → englischen Version vor, außerdem gibt es eine → deutsche Version als PDF.

© September 2022, Anja Bier, IBCLC
und das EISL-Newsletter-Team:
Rhiannon Grill, IBCLC; Natalie Groiss, IBCLC; Gabriele Nindl, IBCLC; Gudrun von der Ohe, Ärztin und IBCLC

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