Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Mikroplastik und Schadstoffe in Muttermilch – ist das ein Problem?

Anlage zum EISL-Newsletter März 2024

Raman Microspectroscopy Detection and Characterisation of Microplastics in Human Breastmilk
Ragusa A, Notarstefano V, Svelato A, Belloni A, Gioacchini G, Blondeel C, Zucchelli E, De Luca C, D'Avino S, Gulotta A, Carnevali O, Giorgini E. Polymers (Basel). 2022 Jun 30;14(13):2700. https://doi.org/10.3390/polym14132700

Microplastic release from the degradation of polypropylene feeding bottles during infant formula preparation
Li, D., Shi, Y., Yang, L. et al. Nat Food 1, 746–754 (2020). https://doi.org/10.1038/s43016-020-00171-y

Isolation and identification of microplastics in infant formulas – A potential health risk for children
Kadac-Czapska K, Jutrzenka Trzebiatowska P, Mazurkiewicz M, Kowalczyk P, Knez E, Behrendt M, Mahlik S, Zaleska-Medynska A, Grembecka M. Food Chem. 2024 May 15;440:138246. https://doi.org/10.1016/j.foodchem.2023.138246

Das wichtigste in Kürze:

  • Muttermilch dient seit Jahrzehnten als "Bioindikator" und wird für ein regelmäßiges Monitoring von Schadstoffen, die sich im menschlichen Organismus einlagern können, verwendet
  • Etliche Chemikalien, wie z.B. Dioxine oder PFAS, die in den letzten 30 Jahren für Aufregung gesorgt haben, gehen in den Messungen stetig zurück (auch aufgrund von Verboten und Einschränkungen)
  • Durch moderne Analyseverfahren werden immer wieder auch neue Schadstoffe in Muttermilch entdeckt und untersucht – aktuell sorgt der Fund von Mikroplastik für Debatten
  • Dass Schadstoffe in Muttermilch gefunden werden, sollte nie zu der Frage führen, ob das Stillen dadurch schädlich für das Kind wäre, sondern dazu beitragen, dass die Gesetzgebung strikte Grenzwerte und Regeln für die Produktion und Freisetzung dieser Schadstoffe erlässt
  • Künstlich hergestellte Säuglingsnahrung ist keine Alternative! Auch Kuhmilch ist den gleichen Umweltbedingungen ausgesetzt und bei der Herstellung und Zubereitung von Säuglingsnahrung entstehen zusätzliche Schadstoffe, die potentiell in die Nahrung gelangen können

Muttermilch wird seit Jahrzehnten weltweit als beliebtes Messinstrument genutzt, um den Gehalt von Schadstoffen, den unser menschlicher Organismus unbemerkt über Jahre aufnimmt, zu untersuchen. Als Monitoring, das regelmäßig wiederholt wird, können auf diese Weise z.B. die Auswirkungen von Verboten bestimmter Chemikalien im zeitlichen Verlauf beobachtet werden.

Immer wieder kommt es durch die Veröffentlichung dieser Daten zu Verunsicherung – z.B. wurde in den 1990er Jahren die Dioxin-Belastung von Muttermilch in der Öffentlichkeit breit diskutiert (s. dazu das → BfR-Statement 08/2000). Rund um die Jahrtausendwende wurden Polybromierte Diphenylether (PBDE), die zu den Flammschutzmitteln gehören, in Muttermilch gefunden (s. dazu das → BfR-Statement von 07/2005). 2015/2016 gab es eine Debatte über Glyphosat in Muttermilch (s. dazu das → BfR-Statement von 02/2016) und seit einigen Jahren werden PFAS (Per- und Polyfluorierte Alkylsubstanzen diskutiert (s. dazu das → Statement der Nationalen Stillkommission 01/2021). Letztes Jahr wurden erstmals Bromierte Flammschutzmittel in Muttermilch von US-amerikanischen Frauen entdeckt (→ Studie von Schreder et al., 2023).
Regelmäßig weisen wissenschaftliche Stellungnahmen von nationalen und internationalen Organisationen darauf hin, dass das Stillen trotz dieser Funde weiterhin klar zu empfehlen und der Ernährung mit künstlicher Säuglingsnahrung vorzuziehen ist (siehe z.B. dazu: → BfR-Statement "Stillen ohne Wenn und Aber" 06/2005 und → "Fremdstoffe und Krankheitserreger in der Muttermilch – Ein Risiko für das Kind?" im Bundesgesundheitsblatt 06/2018)

Der Gehalt an schädlichen Stoffen wie den oben erwähnten Dioxinen, PBDEs und PFAS geht seit Jahren stetig zurück (nicht zuletzt auch, weil einige dieser Chemikalien verboten oder eingeschränkt wurden), dafür werden aufgrund verbesserter Analysemethoden und neuer Entwicklungen der chemischen Industrie immer wieder auch neue Schadstoffe in Muttermilch entdeckt.
Gleichzeitig ist zu bedenken, dass selbstverständlich auch Kuhmilch, aus der künstliche Säuglingsnahrung hergestellt wird, ähnlichen Umweltbelastungen ausgesetzt ist wie Frauenmilch. Die Herstellungsverfahren der Säuglingsnahrung tragen zusätzlich zu potentieller Verunreinigung mit Reinigungsmitteln, Mineralölen oder anderen Chemikalien bei, so dass künstliche Säuglingsnahrung keineswegs frei von Schadstoffen ist. Daher untersucht beispielsweise die Stiftung ÖKOTest regelmäßig Säuglingsanfangsnahrungen (zuletzt → PRE-Nahrungen 2022 und → 1er-Nahrungen 2024).

Nun gibt es ein neues Thema, das für Debatten sorgt: Mikroplastik. Es wurde mittlerweile selbst in den entlegendsten Regionen der Welt gefunden, in Gewässern, an Land und auch in Tieren und Menschen. Der deutschsprachige → Wikipedia-Artikel zu Mikroplastik bietet einen guten Überblick über das Problem.

Mikroplastik wurde bereits in verschiedenen menschlichen Organen nachgewiesen, auch in unserem Blut findet es sich – und 2021 zeigten mehrere Studien, dass es in der Plazenta ebenso nachweisbar ist wie in Mekonium und dem Stuhl von Säuglingen. Einen guten Überblick dazu bietet der Review-Artikel von → Kam Sripada et al. (2022), der sich mit den Funden und Auswirkungen von Mikroplastik auf Kinder beschäftigt.

Wenig überraschend wurde Mikroplastik auch in Muttermilch gefunden, was nun kürzlich für Aufregung sorgte, als eine Autorin in einem → Artikel der Wahington Post provokant fragte, ob das Stillen ihres Kindes dadurch nun schädlich sei (der Artikel kann mit einer kostenlosen Registrierung ohne Bezahlschranke gelesen werden). Sie bezieht sich dabei auf die 2022 veröffentlichte Studie von Antonio Ragusa et al., die erstmals in einer kleinen Pilotstudie Mikroplastik-Partikel in menschlicher Muttermilch nachwiesen. Die Studie ist vollständig im open access Verfahren veröffentlicht und → hier nachzulesen.

Selbstverständlich ändert auch diese Studie nichts daran, dass Stillen weiterhin uneingeschränkt empfohlen wird, doch es lohnt sich, ergänzend auch einen Blick auf die Alternative zum Stillen, die Flaschenernährung zu werfen:
Bereits 2020 zeigte ein Forscherteam aus Irland, dass eine hohe Konzentration von Mikroplastik-Partikeln über die Zubereitung in Polypropylen-Flaschen (PE-Flaschen) zum Kind gelangt. Dies ist einerseits dem geschuldet, dass die Flaschen üblicherweise regelmäßig sterilisiert werden, und dass dann zusätzlich durch die hohe Wassertemperatur und das Schütteln beim Zubereiten der Nahrung weitere Partikel aus dem Plastik gelöst werden. Die Studie ist → hier vollständig erhältlich.

Im Grundsatz entsteht das Problem auch, wenn statt Formulanahrung Muttermilch aus PE-Flaschen verfüttert wird. Die Sterilisation der Flaschen erhöht auch hier die Zahl der anschließend an der Wand der Flasche gelösten und haftenden Mikropartikel, die dann in die Milch gespült werden, wenn die Flasche befüllt wird. Auch die Erwärmung der Milch in der Mikrowelle (von der ja eigentlich sowieso abgeraten wird), erhöht die Zahl der Mikropartikel deutlich.

Doch nicht nur die Flaschen stellen ein Problem dar: auch das Pulver der Formulanahrung selbst enthält Mikroplastik, was vor allem der Verpackung und z.B. dem Beilegen und Verwenden eines Plastik-Messlöffels geschuldet ist, wie eine aktuelle polnische Studie zeigt. Auch der Produktionsprozess der Nahrung trägt zur Verunreinigung mit Mikroplastik-Partikeln bei – teilweise beginnt dies schon bei den Melkmaschinen und Behältern, mit denen die Kuhmilch vor der Verarbeitung zu Säuglingsnahrung in Berührung kommt. Die Studie → hier vollständig erhältlich.

Tipps für die Praxis

  • Stillen bleibt für Säuglinge der beste Schutz auch vor der Belastung mit Mikroplastik. Direktes Stillen an der Brust ist dabei besonders wichtig.
  • Wenn abgepumpte Muttermilch verfüttert werden soll, sollte zunächst darauf geachtet werden, dass das Pumpzubehör (im häuslichen Bereich, gesundes und reifgeborenes Kind) nicht sterilisiert wird, sondern lediglich in der Geschirrspülmaschine gereinigt werden sollte (dies wird ohnehin schon seit Jahren empfohlen). Im Anschluss kann versucht werden, durch das zusätzliche Ausspülen mit abgekochtem und abgekühlten Wasser die durch die Hitze gelösten Mikropartikel zu entfernen.
  • Dasselbe gilt für Flaschen und Sauger, eine Reinigung ohne Sterilisierung ist ausreichend. Anschließendes Ausspülen mit abgekochtem und abgekühlten Wasser kann zusätzlich hilfreich sein.
  • Muttermilch sollte ebenso wie künstliche Säuglingsnahrung nicht in Plastikflaschen verfüttert werden. Glas ist vorzuziehen, hat allerdings den Nachteil, dass es schwerer und zerbrechlicher ist.
  • Wenn zur Fütterung eine PE-Flasche verwendet werden soll (z.T. sind für einige Sauger gar keine Glasflaschen erhältlich), sollte die Nahrung vorher in einem Glasbehälter erwärmt/ zubereitet werden und erst nach dem Abkühlen auf Körpertemperatur in die PE-Flasche umgefüllt werden
  • Das Wasser, das zur Zubereitung verwendet wird, sollte nicht aus PET-Flaschen kommen. Leitungswasser oder gekauftes Wasser aus Glasflaschen (wenn kein sauberes Leitungswasser zur Verfügung steht) sind die bessere Alternative.
  • Mikroplastik wird von der stillenden Mutter unter anderem durch ihre eigene Nahrung aufgenommen. Vermeiden von Plastikverpackungen bei Lebensmitteln, sowie das Vermeiden von Getränken aus PET-Flaschen, kann ihre eigene Mikroplastik-Belastung reduzieren.

© März 2024, Anja Bier, IBCLC
und das EISL-Newsletter-Team:
Rhiannon Grill, IBCLC; Natalie Groiss, IBCLC; Simone Lehwald, IBCLC; Gabriele Nindl, IBCLC; Gudrun von der Ohe, IBCLC

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