Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Plötzlicher Kindstod (SIDS) und sicheres Schlafen – ein Überblick

Anlage zum EISL-Newsletter März 2026

Mother-Infant Bed-sharing Is Associated with Increased Breastfeeding: A Systematic Review
Wolf RL, Skobic I, Pope BT, Zhu A, Chamas H, Sharma N, Larsen KM, Bright HS 4th, Haynes PL. Breastfeed Med. 2025 Apr;20(4):205-218. https://doi.org/10.1089/bfm.2024.0060

Death from Failed Protection? An Evolutionary-Developmental Theory of Sudden Infant Death Syndrome
Renz-Polster H, Blair PS, Ball HL, Jenni OG, De Bock F. Hum Nat. 2024 Jun;35(2):153-196. https://doi.org/10.1007/s12110-024-09474-6

Bed-sharing and SIDS: an evidence-based approach
Blair PS, Ball HL, Pease A, Fleming PJ. Arch Dis Child. 2023 Apr;108(4):e6. https://doi.org/10.1136/archdischild-2021-323469

There is no such thing as infant sleep, there is no such thing as breastfeeding, there is only breastsleeping
McKenna JJ, Gettler LT. Acta Paediatr. 2016 Jan;105(1):17-21. https://doi.org/10.1111/apa.13161

Das wichtigste in Kürze:

  • Der Plötzliche Kindstod (SIDS) ist selten geworden, stellt aber noch immer eine der Haupttodesursachen für Säuglinge dar (in Industrienationen). Seit den 1990er Jahren haben zahlreiche Präventionsmaßnahmen eine drastische Reduktion der Zahlen bewirkt.
  • Eine Reihe von bekannten Risikofaktoren wurde identifiziert und zuletzt ging man davon aus, dass meist mehrere Risikofaktoren gemeinsam auftreten müssen, um zu einem Todesfall zu führen. Es gab allerdings weiterhin viele offene Fragen zu diesem Thema.
  • Stillen stellt einen wichtigen Schutzfaktor dar. Gleichzeitig wird Stillen durch gemeinsames Schlafen deutlich begünstigt – bisher ein Dilemma, weil gemeinsames Schlafen ("Bed-Sharing") in älteren Studien als vermeintlicher Risikofaktor für SIDS identifiziert worden war.
  • 2024 hat ein Team aus renommierten Schlafforscher:innen gemeinsam ein neues Modell vorgestellt, das anstelle der Risikofaktoren mögliche Schutzfaktoren stärker in den Fokus rückt und SIDS als Ergebnis einer unausgeglichenen Balance zwischen Risiko- und Schutzfaktoren bewertet.

Der Plötzliche Kindstod (SIDS) wurde in den vergangenen Jahrzehnten intensiv erforscht und eine Vielzahl von Risikofaktoren wurde identifiziert – aber keine einzelne, klare Ursache konnte gefunden werden.
Einige der Risikofaktoren sind beeinflussbar (z.B. Schlafposition, Körpertemperatur, Rauchen der Eltern, Nicht-Stillen, Nicht-Impfen,...), andere nicht (z.B. Frühgeburtlichkeit, Winterhalbjahr, genetische Faktoren,...).

Zuletzt hatte die Wissenschaft das sogenannte "Triple-Risk-Modell" entwickelt:
• der Säugling ist vulnerabel durch einen intrinsischen Risikofaktor (z.B. durch eine unentdeckte Anomalie im Hirnstamm, die das Atemzentrum beeinflusst, oder durch Frühgeburtlichkeit, Rauchen in der Schwangerschaft etc.)
• der Säugling befindet sich in einer kritischen Entwicklungsphase (meist innerhalb der ersten 6 Monate)
• ein äußerer Risikofaktor kommt hinzu (z.B. Bauchlage beim Schlafen, Überwärmung, akute Infektion etc.)

Allen bisherigen Erklärungsversuchen und Modellen ist gemein, dass sie sich auf die Risiken konzentrieren und eine Ursache/ Auslöser für den Todesfall identifizieren möchten.

Bed-Sharing
Ein lange strittiger Faktor war die Frage, ob gemeinsames Schlafen im Bett der Eltern (Bed-Sharing) einen Risikofaktor darstellt – in vielen Empfehlungen und Broschüren für Eltern wird dies bis heute so dargestellt und vom gemeinsamen Schlafen abgeraten.
Differenzierte Forschung der letzten Jahre ergibt jedoch ein anderes Bild: einige der renommiertesten Schlafforscher, die noch in den 90-er und frühen 2000-er Jahren vor Bed-Sharing gewarnt hatten, nehmen in der Zwischenzeit andere Positionen ein, da sich die wissenschaftliche Evidenz dazu weiterentwickelt hat.
Wie sich zeigte, stellt gemeinsames Schlafen nur dann ein Risiko dar, wenn weitere Risikofaktoren gegeben sind (z.B. eine zu weiche Matratze, gemeinsames Schlafen auf einem Sofa, rauchende Eltern oder Eltern, die Alkohol/ Drogen konsumieren).

Daher stellt sich die Frage, wie diese Situation aus dem Blickwinkel der "Public Health Kommunikation" heraus zu sehen ist: rät man lieber allgemein vom gemeinsamen Schlafen ab, um grundsätzlich kein Risiko einzugehen, oder berät man differenziert zum "Wie" des gemeinsamen Schlafens?
Studien zeigen, dass selbst bei starker allgemein ablehnender Empfehlungslage in verschiedenen Ländern ein großer Anteil von Eltern trotzdem dauerhaft oder vereinzelt, manchmal auch unabsichtlich/versehentlich gemeinsam mit ihrem Baby das Bett teilt. Eine Reihe von britischen Expert:innen empfahl daher → 2023, Familien differenziert und praxisnah zu einer sicheren gemeinsamen Schlafumgebung zu beraten, anstatt ein "allgemeines Verbot" auszusprechen.

Die Diskussion zu diesem Thema ist auch deshalb so relevant, weil ein weiterer Faktor eine wichtige Rolle spielt:

Stillen/ Nicht-Stillen
Stillen stellt einen wichtigen Schutzfaktor vor SIDS dar (je nach Studie variieren die Zahlen etwas, aber man geht davon aus, dass Stillen über mehrere Monate das SIDS-Risiko ungefähr halbiert). Gleichzeitig zeigt eine ganze Reihe von Evidenzen, dass das Stillen deutlich gefördert wird, wenn Mutter und Kind gemeinsam schlafen – wie ein aktueller → Review-Artikel 2025 erneut bestätigte. Dies stellt uns vor ein Dilemma: wenn Stillen durch gemeinsames Schlafen gefördert wird und zugleich das SIDS-Risiko deutlich senkt, können wir wohl schlecht vom Bed-Sharing abraten.

Dass Stillkinder nachts in unmittelbarer Nähe ihrer Mütter schlafen, ist aus evolutionsbiologischer Sicht zu erwarten und hat über Jahrtausende in allen Kulturen der Menscheit so funktioniert. Dass das gemeinsame Schlafen das unkomplizierte Stillen im Halbschlaf (sowohl bei der Mutter als auch beim Kind) ermöglicht und oft am Morgen nur noch "verschwommen" in der Erinnerung verblieben ist, ist typisch für eine gut funktionierende Stillbeziehung nach den ersten Wochen. Der Schlafforscher James McKenna hat → 2016 gemeinsam mit seinem Kollegen Lee Gettler dafür den Begriff "Breastsleeping" geprägt und eindringlich darauf hingewiesen, dass sicheres gemeinsames Schlafen die Qualität der Stillbeziehung nachhaltig positiv beeinflusst.

Dieses Wissen spricht also dafür, Familien differenziert zu den verschiedenen Risikofaktoren zu beraten und die gemeinsame Schlafumgebung sicher zu gestalten, wodurch zugleich auch das Stillen gefördert wird.

Ein neuer Ansatz: das evolutionär-entwicklungsbezogene Modell
Im Jahr 2024 haben mehrere renommierte Schlafforscher:innen aus Großbritannien, Deutschland und der Schweiz gemeinsam → ein neues Modell vorgestellt, das das zuvor verwendete Triple-Risk-Modell ablösen könnte. Sie plädieren dafür, neben den bekannten Risikofaktoren auch Schutzfaktoren zu identifizieren und gehen davon aus, dass ein SIDS-Todesfall dann eintritt, wenn ein Ungleichgewicht zwischen den Risikofaktoren, denen ein Kind ausgesetzt ist, und den Schutzfaktoren, die ihm eine angemessene Reaktion darauf ermöglicht hätten, eintritt.

Die Autor:innen, zu denen auch der bekannte deutsche Kinderarzt Dr. Herbert Renz-Polster gehört, untersuchten einen Aspekt, der in der klassischen SIDS-Forschung bislang nicht so recht erklärbar war: Neugeborene sind eigentlich gut dafür ausgestattet, in Bauchlage auf einer erwachsenen Person zu "wohnen": eine ganze Reihe von Reflexen ermöglichen ihnen NUR in dieser Schwerkraft-Situation, den Kopf für kurze Zeit leicht anzuheben, sowie die Option, sich selbstständig durch Schieben, Robben und Abstoßen vorwärts zu bewegen. Warum sollten sie gerade in dieser Position einem so viel größeren Risiko ausgesetzt sein als in der Rückenlage, in der sie vergleichsweise hilflos sind?
Die Forschung zeigt: genau in dieser Neugeborenen-Zeit sind die Kinder auch gegen SIDS besser geschützt – die Todesfälle treten überwiegend erst in der Zeit zwischen dem 2. und 5. Monat auf. Die Hypothese des neuen Modells lautet, dass die frühkindlichen Reflexe, die Neugeborenen das "Wohnen" auf einem Erwachsenen in Bauchlage ermöglichen, mit der Zeit abklingen und durch aktiv erlernte Bewegungsmuster ersetzt werden. Die Autor:innen vermuten, dass Kinder, die von Beginn an die Möglichkeit hatten, immer wieder Erfahrungen in dieser Position zu sammeln (und z.B. zu erlernen, dass sie den Kopf zur Seite drehen müssen, um gut atmen zu können), dann in den folgenden Monaten besser geschützt sind. Eine ganze Reihe von Studien und Daten stützt diese These.

Ein zweiter Aspekt, den das Team um H. Renz-Polster beleuchtet: Stillen schützt, aber warum eigentlich? Ein Erklärungsansatz könnte sein, dass das Stillen häufiger erfordert, sich selbst aus einer Situation zu befreien, in der kurzfristig das Atmen erschwert ist (z.B. weil die Nase des Kindes etwas zu tief in die Brust geraten ist). Kinder, die diese Erfahrung immer wieder machen und dann Bewegungsmuster einüben, um diese Situation zu vermeiden oder zu beheben, könnten später im Vorteil sein, wenn sie in eine ungünstige Schlafsituation geraten, in der z.B. ihre Atemwege durch Bettzeug verlegt werden.

Dieser vielversprechende neue Ansatz wird mit Sicherheit in den nächsten Jahren auch in der aktiven Forschung Widerhall finden und wir sind gespannt, ob es sich bewahrheitet, dass frühes und häufiges Stillen, gepaart mit gemeinsamem Schlafen in sicherer Ausgestaltung sowie dem regelmäßigen körpernahen Tragen tagsüber in Summe einen "protektiven Lifestyle" darstellt, wie die Autor:innen vermuten.

Wenn Sie mehr zu diesem Thema lesen möchten, empfiehlt sich die umfangreiche Zusammenstellung an Artikeln zum Stand der SIDS-Forschung auf der Webseite von Dr. Herbert Renz-Polster:
→ Plötzlicher Kindstod

© März 2026, Anja Bier, IBCLC
und das EISL-Newsletter-Team:
Rhiannon Grill, IBCLC; Natalie Groiss, IBCLC; Simone Lehwald, IBCLC; Gabriele Nindl, IBCLC; Gudrun von der Ohe, Ärztin und IBCLC

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