Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Muttermilch abpumpen in der Praxis: Evidenzen und Überlegungen

Anlage zum EISL-Newsletter September 2026

Flange Size Matters: A Comparative Pilot Study of the Flange FITS™ Guide Versus Traditional Sizing Methods
Anders LA, Mesite Frem J, McCoy TP. Journal of Human Lactation. 2025;41(1):54-64.

https://doi.org/10.1177/08903344241296036

Efficacy Assessment of the Breast Shield Size
Gridneva Z, Warden AH, McEachran JL, Perrella SL, Lai CT, Geddes DT. Proceedings. 2025; 112(1):7.
https://doi.org/10.3390/proceedings2025112007

Das wichtigste in Kürze:

  • Wenn Frauen regelmäßig eine Milchpumpe verwenden, berichten sie oft über Schwierigkeiten in der Praxis: Schmerzen und Sorge um die Milchmenge sowie Schamgefühle werden in aktuellen Studien untersucht. Häufig herrscht Unklarheit zur konkreten Benutzung – Trichtergrößen und Vakuumstärken sind ein Thema
  • In Bezug auf die korrekte Anpassung der Brusthaubengröße gab es 2024 und 2025 zwei Studien, die für Aufmerksamkeit gesorgt haben und scheinbar gegensätzliche Ergebnisse erbrachten
  • Frauen, die eine Milchpumpe verwenden, benötigen qualifizierte Anleitung und eine individuelle Anpassung der Brusthauben und Pumpeneinstellungen, so dass das Pumpen komfortabel und alltagstauglich gestaltet werden kann

Der Gebrauch von Milchpumpen nimmt weltweit zu, der Markt hat sich in den letzten Jahren deutlich vergrößert. Dies ruft berechtigte Kritik hervor, zu der wir Ihnen unseren folgenden Artikel empfehlen:
→ Muttermilchpumpen als "moderne Alternative" zum Stillen?

Wenn Pumpen eingesetzt werden, geschieht dies häufig ohne individuelle Beratung oder fachkundige Anleitung und selbst wenn Mütter konkrete Tipps erhalten oder sich beispielsweise auf der Webseite des Pumpen-Herstellers informieren, gibt es zur konkreten Handhabung bisher kaum Evidenzen.

Eine Reihe von qualitativen Studien der letzten Jahre beschäftigte sich mit den Erfahrungen von Müttern, die regelmäßig pumpen (s. dazu z.B. → DiTomasso et al., 2026; → Anders et al., 2022). Der hohe Zeit- und Reinigungsaufwand wird oft als Herausforderung beschrieben, Kriterien wie Kosten, praktisches Handling und Sichtbarkeit/ Vereinbarkeit mit dem Arbeitsplatz spielen ebenfalls eine Rolle. Besonders herausfordernd ist jedoch meistens die direkte praktische Anwendung: Auf welcher Vakuumstufe soll ich pumpen? Welche Brusthaubengröße wird benötigt? Viele pumpende Frauen kämpfen mit Reizungen/Irritationen oder sogar Schmerzen an Mamillen, Areola und Brust, immer wieder stellt die zu erreichende oder erhoffte Milchmenge ebenfalls einen Grund für Sorgen und Druck dar.
Es zeigt sich in mehreren Untersuchungen, dass vielen Frauen auch gar nicht bewusst ist, dass es unterschiedliche Brusthaubengrößen gibt und dass auch Fachpersonal hier oft unklar bleibt (s. dazu z.B. → Theurich et al., 2025; → Williams et al., 2024; → Mironcika et al., 2024).

Speziell mit dem Thema "Brusthaubengröße" haben sich zuletzt zwei Studien beschäftigt, die dabei scheinbar zu widersprüchlichen Ergebnissen kamen:

Die Studie von Lisa Anders und ihren Kolleg:innen wurde im November 2024 veröffentlicht. Sie verglich die Wahl der Brusthaubengröße anhand der "üblichen Standardempfehlung" gegenüber einer indivualisierteren Empfehlung, die tendenziell eher Hauben mit kleinerem "Tunnel" verwendeten.
Dabei wurde postuliert, dass die meisten Frauen bisher standardisiert zur Wahl der Brusthaubengröße so beraten werden, dass sie zunächst die Dicke ihrer Mamillen (=  Durchmesser) an der Basis (am Übergang zur Areola) messen sollen und dann einige Millimeter aufaddieren, um so die korrekte "Tunnelgröße" (= Brusthaubengröße) zu bestimmen. Dies ist in der Tat bei den meisten Herstellern die dort empfohlene Methode zur Ermittlung der benötigten Brusthaubengröße. Da meist nur wenige unterschiedliche Brusthaubengrößen pro Pumpmodell existieren, kann es schwierig sein, eine gut passende Brusthaubengröße zu finden – insbesondere Frauen mit eher kleinen Mamillen müssen oft bei Verwendung der kleinsten verfügbaren Größe ihres Herstellers deutliche Abweichungen hinnehmen.
Die Studie von Anders und Kolleg:innen versuchte einen neuen Ansatz: die Frauen sollten nicht an der Mamillenbasis, sondern an der Spitze messen und direkt die ermittelte Zahl für die Tunnelgröße verwenden (also ohne Aufaddieren von zusätzlichen Millimetern). Dazu wurden den Frauen viele verschiedene Brusthaubengrößen angeboten, insbesondere auch Größen, die deutlich kleiner waren als die meist verfügbare kleinste Größe von 18 mm Tunneldurchmesser.
Sie wurden dann angeleitet, zunächst einmal mit dieser durch Messung ermittelten Größe zu pumpen, dann aber auch eine Größe kleiner und eine Größe größer zu probieren und sich schließlich für die Brusthaube zu entscheiden, die den größtmöglichen Komfort bei gleichzeitig größtmöglichem zu beobachtenden Milchfluss bietet (sichtbares "Spritzen" der Milch während des Pumpens).
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass mit dieser Methode der Größenanpassung ("FlangeFITS™ Guide") gegenüber der "üblichen Methode" eine höhere Milchmenge bei gleichzeitig größerem Komfort erreicht werden kann. Die Autorinnen betonen allerdings, dass eine allgemeine Aussage wie "immer eher etwas kleinere Größen verwenden" nicht durch ihre Studie impliziert wird und dass es vielmehr auf eine gute individuelle Anpassung ankommt, die (anders als meistens üblich) Wert darauf legt, nach der Messung der Mamille keine zusätzlichen Millimeter zur Ermittlung der Haubengröße zu addieren. Kritisiert wird, dass die Studie mit 36 Teilnehmer:innen relativ klein war und dass das Vakuum, das die pumpenden Frauen verwendeten, nicht gemessen wurde. Die in der Studie verwendeten Brusthauben wurden von Maymom LLC gespendet, einer Firma die Brusthauben in vielen verschiedenen Größen für mehrere gängige Pumpenhersteller anbietet. Die Zweitautorin, Jeanette Mesite Frem, hat sich zudem das für die Studie verwendete Empfehlungs-Schema ("FlangeFITS™ Guide") als Handelsmarke schützen lassen und bietet kostenpflichtige Schulungen für Fachpersonal dazu an – ein möglicher Interessenskonflikt.
Eine Stärke der Studie: die Frauen wurden über den Zeitraum von einer Woche beobachtet und konnten verschiedene Größen ausprobieren, so dass ein direkter Vergleich zwischen verschiedenen Brusthauben an derselben Frau getroffen werden konnte.
Die Studie ist vollständig und frei verfügbar → hier zu finden.

Ebenfalls im November 2024 präsentierten Zoya Gridneva und ihre Kolleg:innen auf einer australischen Konferenz die Ergebnisse ihrer Studie, die im Januar 2025 veröffentlicht wurde. Diese Studie mit insgesamt 157 Teilnehmerinnen verglich Frauen, die nach Hersteller-Standard angepasste Brusthauben verwendeten (Messung an der Mamillenbasis + 4 mm) mit Frauen, bei denen keine Anpassung erfolgte bzw. keine passende Brusthaubengröße zur Verfügung stand oder die eine Brusthaubengröße ohne Aufaddieren von 4 mm verwendeten. Komfortlevel, Vakuum und Milchmengen wurden erhoben und es zeigten sich keine Unterschiede zwischen den Gruppen, außer in Bezug auf das maximal tolerierte Vakuum, das bei der Gruppe ohne korrekte Anpassung niedriger lag.
Kritisch zu bewerten: die Studie wurde vollständig von Medela finanziert und der größte Teil der Mütter pumpte für das Studiensetting nur 1 - 2 Mal ab, so dass mögliche Effekte einer individuellen Anpassung über einen längeren Zeitraum nicht beobachtet werden konnten.
Die Studie ist vollständig und frei verfügbar → hier zu finden.

EISL-EMPFEHLUNGEN


• Wenn eine Pumpe eingesetzt werden soll, benötigt die Mutter eine qualifizierte Anleitung – inklusive einer Anpassung der Brusthaubengrößen.
Tatsächlich beobachten wir im deutschsprachigen Raum, dass die meisten Stillberater:innen schon lange dazu raten, die "Tunnelgröße" so zu wählen, dass die Mamille möglichst passgenau sich gerade frei bewegen kann, aber kein zusätzliches Gewebe mit eingezogen wird. Dies deckt sich also mit der aktuellen "Flange FITS™"-Anleitung.

• Richtig ist, dass auch im deutschsprachigen Raum die Hersteller in ihren Anleitungen noch die traditionellen "4 mm Zugabe" empfehlen und dass häufig vor allem am unteren Ende der Skala nicht ausreichend passgenaue Brusthaubengrößen des Herstellers zur Verfügung stehen. In der Zwischenzeit gibt es jedoch einige Anbieter, die herstellerübergreifende Trichter und Einsätze in vielen verschiedenen Ausführungen und Größen anbieten – es ist sinnvoll, diese Optionen zu kennen.

• Frauen, die über einen längeren Zeitraum pumpen, sollten unbedingt von Zeit zu Zeit ihre verwendete Brusthaubengröße überprüfen und ggf. individuell neu anpassen.

• Zu diesem Thema besteht noch ein hoher Bedarf an Forschung – eine klare evidenzbasierte Empfehlung zur konkreten Vorgehensweise der Mamillen-Messung kann noch nicht aus den vorhandenen Studien abgeleitet werden. Somit bleibt als wichtigste Botschaft: Abpumpen sollte angenehm und schmerzfrei sein und es lohnt sich individuelle Lösungen zu suchen, die das ermöglichen.

Wenn Sie mehr zum Thema Muttermilchgewinnung lesen möchten, empfehlen wir Ihnen ergänzend unsere Fachseite
→ Gewinnen und Aufbewahren von Muttermilch

© September 2026, Anja Bier, IBCLC
und das EISL-Newsletter-Team:
Rhiannon Grill, IBCLC; Natalie Groiss, IBCLC; Simone Lehwald, IBCLC; Gabriele Nindl, IBCLC; Gudrun von der Ohe, Ärztin und IBCLC

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