Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Schnuller – Pro und Contra

Unsere Fachinformationen werden regelmäßig überprüft und ergänzt.
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 3/2021

Der Schnuller ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet, vom Säugling bis ins Kleinkindalter. Unter Fachkräften wird der Einsatz jedoch kontrovers diskutiert: Stillexpert*innen betrachten ihn meist kritisch, insbesondere wenn er schon in den ersten Tagen nach der Geburt eingesetzt wird. Manche Mediziner*innen halten ihn hingegen für unverzichtbar und die Industrie hat ein großes Interesse am Verkauf und suggeriert, verschiedene Formen oder Größen seien sinnvoller als andere.
In diesem Spannungsfeld bewegen sich junge Eltern, die sich für oder gegen einen Schnuller entscheiden. Wir möchten Ihnen mit dieser Seite einen Überblick über den aktuellen Stand der Wissenschaft, praktische Tipps und Erfahrungsberichte sowie fachliche Stellungnahmen geben.

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    Saugen ist ein Grundbedürfnis aller Babys – Foto: © Fotolia/cbckchristine
  • Auch Tragen beruhigt und gibt Sicherheit – Foto: © Shutterstock/DmitryNaumov

Saugbedürfnis

Als gesichert gilt, dass Säuglinge ein grundsätzliches Saugbedürfnis haben, das über die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme hinaus geht (man beachte das deutsche Wort "Säugling"!). Non-nutritives Saugen beruhigt und wirkt schmerzlindernd, hilft beim Einschlafen, tröstet und erleichtert die Aktivierung des Verdauungssystems.

Insofern ist es nicht überraschend, dass Säuglinge schon früh beginnen, an ihren eigenen Händen/Fingern, an den Fingern ihrer Bezugspersonen und im Weiteren auch an anderen Objekten (z.B. den Schlappohren des Kuscheltiers, Bettdeckenzipfeln, Schmusetüchern usw.) zu saugen. Bereits im Mutterleib können bei Ultraschalluntersuchungen Föten beim Daumenlutschen beobachtet werden.

Die Fragen, die sich somit stellen:
• Sollen wir Babys einen Schnuller geben, um dieses Saugbedürfnis zu befriedigen?
• Welche Risiken bringt das mit sich?
• Wo könnten Vorteile gegenüber dem vom Kind selbstgewählten Objekt (z.B. Daumen) liegen?

Die folgenden Informationen zur Studienlage beziehen sich auf Babys, die ausschließlich oder überwiegend gestillt werden und wo der Einsatz eines Schnullers kritisch abgewogen werden muss.

Für ein Kind, das ausschließlich mit der Flasche gefüttert oder nur selten gestillt wird, ist der Einsatz eines Schnullers hingegen sinnvoll und zu empfehlen. Beachten Sie hierzu auch unsere Fachseite

Der Stand der Wissenschaft

Bis heute ist die Datenlage zum Schnuller für gestillte Kinder nicht eindeutig und in Studien werden viele Dinge nicht ausreichend differenziert untersucht:

  • Es wird häufig nicht zwischen ausschließlichem und vollem Stillen, Teilstillen oder sogar Nicht-Stillen unterschieden
  • Es wird nicht zwischen verschiedenen Schnuller-Varianten unterschieden oder erklärt, welches Modell verwendet wurde
  • Es wird nicht ausreichend differenziert, ab welchem und bis in welches Alter, wie lange, wie oft und in welchen Situationen der Schnuller eingesetzt wurde

Studien, die kein präzises Studiendesign mit ausreichender Differenzierung aufweisen, können keine eindeutigen Ergebnisse zeigen. Somit sind die Auswirkungen des Schnullers auf die Etablierung des Stillens, die Risiken für das ausschließliche Stillen und auf die Gesamt-Dauer des Stillens bis heute nicht abschließend geklärt.

Als relativ gesichert gilt:

  • Für Frühgeborene kann ein Schnuller therapeutische Wirkung haben und ist hilfreich, wenn die Eltern gerade nicht anwesend sind. Intensiver Haut- und Körperkontakt (Känguruh-Zeit) ist dem Schnuller jedoch vorzuziehen.
  • Der Schnuller hat einen protektiven Effekt gegen SIDS – allerdings scheint dies vor allem für nicht-gestillte Kinder zu gelten. Außerdem gilt der protektive Effekt nur für den Einsatz beim Einschlafen, nicht für den alltäglichen Gebrauch. Wenn die Schlafumgebung nicht optimal ist, scheint der Schnuller für alle Kinder (gestillt und nicht-gestillt) einen protektiven Effekt zu haben. Lesen Sie ergänzend dazu auch unserer Fachseite → Sicherer Babyschlaf
  • Für Babys, die häufig am Schnuller saugen, erhöht sich das Risiko für ein zu seltenes non-nutritives Saugen direkt an der Brust, wodurch die ausreichende Stimulation der Brust nicht sicher gestellt ist und die Milchbildung sich nicht voll etablieren kann.
  • Auch nach erfolgreicher Etablierung der Milchmenge kann der Schnuller bei zu häufigem Einsatz dazu führen, dass die Gewichtszunahme und das Gedeihen des Kindes suboptimal verlaufen.
  • Der gelegentliche Einsatz eines Schnullers bei bereits etablierter Stillbeziehung, die ohne Stillprobleme (Wunde Mamillen, Milchstau, Mastitiden etc.) verläuft, scheint keinen negativen Effekt auf das Stillen zu haben. Wenn bereits Stillprobleme bestehen, kann der Schnuller die Situation jedoch verschärfen.
  • Der Schnuller steht in Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für Otitis media (Mittelohr-Entzündung). Durch den fehlenden Mundschluss kommt es anstelle der physiologischen Nasenatmung zur vermehrten Mundatmung.
  • Der Schnuller kann den gesamten Muskeltonus beeinflussen, auch das Schluckmuster verändert sich.
  • Ein intensiver Gebrauch auch noch im Kleinkindalter hat einen negativen Effekt auf die Kieferstellung und die Sprachentwicklung.

Folgende Punkte sind strittig:

  • Ob die Einführung eines Schnullers das Stillen zu frühem Abstillen beiträgt oder keinen negativen Einfluss hat, wenn er erst nach erfolgreicher Etablierung des Stillens eingeführt wird, ist nicht abschließend geklärt. Für beide Varianten liegen entsprechende Studienergebnisse vor.
  • Es gibt Empfehlungen und Aussagen, die Daumenlutschen und Schnuller in ihren Auswirkungen und Risiken gleichsetzen, gesicherte Studien dazu fehlen jedoch. Ergänzend dazu: → Zahnärztekammer Nordrhein
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    Non-nutritives Saugen an der Brust ist erwünscht – Foto: © Fotolia/PBH.cz
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    Auch ein Baby mit Schnuller braucht viel Körperkontakt – Foto: © AdobeStock/morrowlight

Aktuelle Empfehlungen

In den vergangenen Jahren hat sich ein weitgehender Konsens zu folgenden Punkten etabliert:

  • Das Stillen ist die wichtigste Präventionsmaßnahme gegen verschiedenste Erkrankungen und Risiken – dazu zählen auch SIDS, Otitis media und Zahnfehlstellungen. Daher sollte das Augenmerk auf einer gelingenden Stillbeziehung liegen und der Schnuller frühestens dann eingeführt werden, wenn das Stillen gut etabliert ist.
  • Der Schnuller sollte nicht als erste Beruhigungsmaßnahme für ein unruhiges Baby dienen. Zuwendung, Körperkontakt, Tragen und andere Beruhigungsmöglichkeiten sollen vorrangig verwendet werden. Gestillte Kinder sollen an der Brust nicht nur ihr Nahrungs- sondern auch ihr Saugbedürfnis befriedigen. Eine Begrenzung der Zeit an der Brust, eine Regulierung oder Behinderung des non-nutritiven Saugens an der Brust wird nicht empfohlen.
  • Wenn ein Schnuller verwendet wird, sollte er verantwortungsbewusst eingesetzt werden. Eine Nutzung soll dem Prinzip "so wenig wie möglich, so viel wie nötig" folgen.
  • Nicht-gestillte Kinder sollten zum Einschlafen einen Schnuller erhalten, sofern das Baby ihn gerne akzeptiert. Keinesfalls soll er aufgezwungen werden und auch nicht erneut in den Mund gesteckt werden, wenn er herausgefallen ist.

Mit ca. 6 - 8 Wochen beginnen Säugline, zu lautieren – und Erwachsene antworten darauf intuitiv. Der Schnuller kann diese Interaktion behindern und somit die Etablierung dieses frühen Dialogs stören.

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Foto: © Fotolia/SylvieBouchard

Dass Babys ab einem Alter von ca. 3 Monaten vermehrt ihre Hände und später Gegenstände zum Mund führen, ist ein normaler und wichtiger Entwicklungsprozess, der nicht behindert werden sollte. Das explorierende Lutschen und Untersuchen von Dingen mit Hilfe von Lippen und Zunge ist nicht gleichzusetzen mit dem Daumenlutschen aus Gewohnheit.

Zur Form und Größe des Schnullers haben wir ein umfangreiches Informationsblatt zum Download zusammengestellt:

Ebenfalls hilfreich:

Materialien/ Artikel/ Studien

In babyfreundlich zertifizierten Geburtskliniken...

... wird nach den → "10 Schritten zum erfolgreichen Stillen" gearbeitet.
Schritt 9 lautet:
"Gestillten Kindern keine künstlichen Sauger anbieten. Eltern zu Anwendung und Risiken von Flaschen, Saugern und Schnullern beraten.."

Besonderes Augenmerk wird hier auf die ersten 4 - 6 Wochen gelegt, um die Etablierung des ausschließlichen Stillens nicht zu gefährden. Daher wird für diesen Zeitraum empfohlen, auf den Schnuller zu verzichten. Wenn Eltern sich nach entsprechender Aufklärung anders entscheiden, können sie selbstverständlich einen Schnuller in die Klinik mitbringen und verwenden.
Aufgabe von Fachpersonal ist stets, Eltern durch korrekte und industrie-unabhängige Informationen Unterstützung für ihre Entscheidungsfindung anzubieten.

Für die Arbeit mit Eltern...

... haben wir ein umfangreiches Informationsblatt für Eltern zusammengestellt, das zum Download zur Verfügung steht und viele typische Fragen von jungen Familien beantwortet:

Außerdem steht ein Handout aus der Fachzeitschrift "Laktation und Stillen" (3/2013) zur Verfügung, das Möglichkeiten aufzeigt, wie man Babys auch ohne Schnuller beruhigen kann:

Hilfreiche Dokumente für Fachpersonal

Ein ausführlicher Übersichtsartikel in deutscher Sprache stammt von Mathilde Furtenbach aus dem Jahr 2013 und ist beim Georg Thieme Verlag in der Zeitschrift "Informationen aus Orthodontie & Kieferorthopädie" erschienen. Er ist eine gekürzte und leicht veränderte Fassung des Beitrags der Autorin im Buch "Myofunktionelle Therapie kompakt I – Prävention" aus dem Praesens Verlag, Wien 2013.
Er steht Ihnen unter unten stehendem Link frei zur Verfügung.

Die Masterarbeit von Ulrike Lins aus 2010 nimmt ebenfalls Bezug auf Publikationen von Furtenbach und Kolleg*innen, beschäftigt sich jedoch hauptsächlich mit dem Bezug zur praktischen Umsetzung von Präventionsempfehlungen zum Schnuller. Die Autorin hatte einige junge Mütter begleitet und festgestellt, dass die Vorhaben vor der Geburt häufig sehr von der tatsächlichen Praxis im Alltag postpartum abwichen. Hier finden Sie ihre Masterarbeit zum Nachlesen:

Internationale Empfehlungen gibt es von der American Academy of Pediatrics (AAP) in ihrem Policy-Statement zum Stillen (2012): Sie lauten, Schnuller gezielt und mit therapeutischem Hintergrund zu verwenden sowie nach erfolgreicher Etablierung des Stillens den Schnuller zum Einschlafen anzubieten.

Die International Society for the Study and Prevention of Perinatal and Infant Death (ISPID) formulieren ihre Hinweise (2013) vergleichbar.

Studien

Die Studie von Franco, P. et al →  „The influence of a pacifier on infants‘ arousals from sleep.“ ; J Pediatr 2000; 136:775-9 zeigte, dass Säuglinge, die während des Schlafens einen Schnuller benutzten, niedrigere auditive Erregungsschwellen hatten als solche, die ohne Schnuller schliefen – die Kinder schliefen also weniger tief und erwachten leichter bei Geräuschen in der Umgebung. Diese Befunde könnten für das SIDS-Risiko relevant sein.
Diese Studie zeigte auch: der Unterschied zwischen Kindern mit und ohne Schnuller bestand nur bei nicht-gestillten Kindern. Gestillte Kinder hingegen hatten mit und ohne Schnuller gleichermaßen die erniedrigte Erregungsschwelle, die bei den nicht-gestillten Kindern nur die Kinder mit Schnuller aufwiesen.

Im Jahr 2011 hat die AAP folgendes Statement herausgegeben: → „SIDS and Other Sleep-Related Infant Deaths: Expansion of Recommendations for a Safe Infant Sleeping Environment“; Pediatrics2011;128:1030–1039, auf das sich diejenigen berufen, die den Schnuller als SIDS-Prophylaxe empfehlen.

Die Studie von Mach C. E. et al → „Predictors of and reasons for pacifier use in first-time mothers: an observational study“; BMC Pediatr. 2012; 12: 7 zeigt Möglichkeiten auf, Mütter und ihr Unterstützungsnetzwerk, insbesondere die Großmütter der Säuglinge, über mögliche Risiken im Zusammenhang mit der frühen und häufigen Verwendung eines Schnullers und alternative Methoden zur Beruhigung ihres Säuglings aufzuklären, um die Verwendung von Schnullern und deren potenziell nega-tive Auswirkungen auf die Stilldauer zu reduzieren.

Die Meta-Analyse von Gabriela dos Santos Buccini et al. → „Pacifier use and interruption of exclusive breastfeeding: Systematic review and meta‐analysis“; Maternal and Child Nutrition, Volume13, Issue3, July 2017 erfasste insgesamt 46 Studien. Ziel war, herauszufinden, ob der Schnullergebrauch die Dauer des ausschließlichen Stillens verkürzt. Es zeigte sich erneut, dass die Qualität der Studien zum Schnuller bisher meist unzureichend ist keine direkten Rückschlüsse über die Gründe für bestimmte Ergebnisse zulassen. Die Autor*innen sehen aber ausreichende Gründe, weiterhin die WHO-Empfehlungen zum Schnullergebrauch für unterstützen, die den Einsatz des Schnullers nur nach etablierter Stillbeziehung und sorgfältiger Risikoabwägung empfiehlt. Sie fordern für die Zukunft qualitativ hochwertige Interventionsstudien.

Eine Studie von Schmid, K. M. et al → „The effect of Pacifier sucking on orofacial structures: a systematic literature review“ ; Prog Orthod. 2018; 19: 8 befasst sich mit den Auswirkungen des Schnullers auf die orofacialen Strukturen. Die Autor*innen ziehen den Schluss, dass es Auswirkungen gibt, aber gut konzipierte randomisierte kontrollierte Studien erforderlich sind, um nachzuweisen, welche Art von Schnullern weniger negative Effekte haben.

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