Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Psychische Erkrankungen in der Peripartal- und Stillzeit

Die EISL-Fachinformationen werden regelmäßig überprüft und ergänzt.
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 05/2026

Die Geburt eines Kindes markiert einen Wendepunkt im Leben einer Familie. Die Intensität und die Bandbreite der Gefühle nach der Geburt übertreffen oft alles, was die werdenden Eltern erwartet haben.

Diese Veränderungen betreffen die ständige Präsenz, das „24-Stunden-in-Verantwortung-sein“, das damit verbundene Schlafdefizit und reduzierte Rückzugsmöglichkeiten, die Beziehungen zum/zur Partner:in, den eigenen Eltern und Freunden, die Rollenverteilung in der Partnerschaft sowie körperliche Veränderungen. Eltern, die die Fähigkeit haben, der neuen Situation mit dem Baby mit allen inneren und äußeren Belastungen positiv zu begegnen,sind diesen Herausforderungen besser gewachsen. Dies wird auch als Resilienz bezeichnet.
Manche Personen hingegen geraten aufgrund dieser neuen Herausforderungen in eine postpartale psychische Krise.
Prinzipiell kann jede Person nach einer Entbindung in einen psychischen Ausnahmezustand geraten. Es gibt jedoch Faktoren, die das Risiko erhöhen, wie z.B. stressbelastete Ereignisse und/oder Traumata.

  • ©Pexels/Mikhail Nilov
    ©Pexels/Mikhail Nilov
  • ©TRMK
    ©TRMK

Psychische Erkrankungen können sich aber auch unabhängig von Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit entwickeln. Typischerweise treten diese im jungen bis mittleren Erwachsenenalter auf. Daher sind bereits manche Personen erkrankt, wenn sie sich mit der Familienplanung beschäftigen. Sie machen sich häufig Gedanken, ob das Kind Einfluss auf den Krankheitsverlauf nehmen könnte und ob sich die bereits etablierte Medikation negativ auf das Ungeborene und/oder gestillte Kind auswirkt.

Bereits bestehende medikamentöse Therapien sollten niemals ohne Rücksprache mit dem/der behandelnden Psychiater:in verändert oder abgesetzt werden. Besonders bei der Einnahme von Antidepressiva in der Schwangerschaft ist ein anschließendes Voll- oder zumindest Teilstillen besonders wichtig, da es die Anpassung nach der Geburt verbessert und mögliche Symptome mindert.

Stillen hat Einfluss auf die mütterliche psychische Gesundheit

Stillen steht in direktem Zusammenhang mit der mütterlichen psychischen Gesundheit. Durch den physischen Stillvorgang wird die Stressreaktion reguliert, das Risiko für Depressionen gesenkt und bereits vorhandene depressive Symptome gelindert. Es wurde nachgewiesen, dass ausschließliches Stillen zu einem signifikant geringeren Risiko für Depressionen führt und daher besonders gefördert und unterstützt werden sollte. Risiken für die Beendigung des Stillens sollten identifiziert werden und es braucht Strategien, wie die stillende Mutter zu mehr Entlastung im Alltagsleben bzw. Schlaf kommen kann.
Teilstillen zeigte in Studien bezüglich der mütterlichen psychischen Gesundheit kaum Unterschiede zu Formulaernährung – ein teilweises Abstillen bringt also meist keine Erleichterung der psychischen Belastungssituation. Trotzdem gehört zur Beratung immer die individuelle Situation der Familie – Teilstillen („Buntes Stillen“) kann also auch für Mütter mit einer psychischen Erkrankung eine Lösung sein, wenn das ihr Wunsch ist.
In manchen Fällen ist auch eine Betreuung des Babys durch eine andere Person in der Nacht hilfreich, die der vulnerablen oder psychisch erkrankten Mutter entweder das Kind zum Stillen bringt oder auch füttert, so dass die Mutter 5-6 Stunden ununterbrochenen Schlaf bekommt.

In unserer Rubrik "Neues aus der Forschung" berichten wir regelmäßig über neue Erkenntnisse der Wissenschaft zu den Auswirkungen von Muttermilch und Stillen. Hier finden Sie einen Überblick über einige passende Artikel zum Thema:

Symptome und erstes Screening

Jede:r Still- und Laktationsberater:in IBCLC sollte in der Lage sein, Symptome zu erkennen, die ein normales Stimmungstief von einer ernsthaften psychischen Erkrankung unterscheiden, um die betreffende Person rasch an kompetente Fachkräfte weiterleiten zu können. Dabei ist keine Depression genau wie die andere. Eine Depression ist ein komplexes Syndrom, d.h. ein Krankheitsbild, das sich aus dem Zusammentreffen verschiedener charakteristischer Symptome ergibt.

Die Edinburgh Postpartal Depression Scale (EPDS) stellt ein bewährtes Screening-Instrument für eine erste Einschätzung dar. Es ist kostenlos und in vielen Sprachen verfügbar und eignet sich auch für den Einsatz in der Stillberatung.

Der Screening-Bogen kann → hier in der deutschen Version heruntergeladen werden.

  • ©Getty Images Signature/PonyWang
    ©Getty Images Signature/PonyWang
  • ©Pixelshot
    ©Pixelshot

Erholsamer Nachtschlaf

Schlafmangel kann zur Depression führen, umgekehrt führt Depression zu schlechtem Schlaf. Ein erholsamer Nachtschlaf ist im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen von besonderer Bedeutung. Ohne ausreichende Ruhephasen kann es zu einer Verschlechterung der Symptomatik kommen. Deshalb ist es wichtig, auf die individuellen Bedürfnisse der Stillenden einzugehen und, falls notwendig, weitere Bezugspersonen mit einzubeziehen.
Gerade in den ersten Wochen nach der Geburt ist für Eltern erholsamer Nachtschlaf nur schwer zu bekommen. Entgegen häufiger Annahmen ist Abstillen oder nächtliches Flaschegeben jedoch nicht automatisch die Lösung. Stillen hilft, den Schlaf zu regulieren. Kendall-Tackett et al. konnten 2011 in einer Untersuchung von 6410 Müttern zeigen, dass stillende Frauen signifikant mehr Schlaf, eine bessere physische Gesundheit, mehr Energie und weniger depressive Symptome hatten als Mütter, die teilstillten oder ausschließlich mit Formula ernährten.
Ausschließliches Stillen führt darüber hinaus zu schnellerem Einschlafen, insgesamt längeren Schlafphasen und einer besseren Schlafqualität (mehr als doppelt so lange Tiefschlafphasen).

Abstillen mit Bedacht

Besteht eine medizinische Indikation oder ein dringender Abstillwunsch seitens der Mutter, sollte bei Frauen mit bekannter psychischer Vulnerabilität oder bestehender psychischer Erkrankung unbedingt ein konservatives und langsames Abstillen empfohlen werden. Dadurch werden die physiologischen Vorgänge unterstützt und die Mutter kann in diesem Prozess optimal begleitet werden.

Werden hingegen Prolaktinhemmer zum medikamentösen Abstillen eingesetzt (z.B. Cabergolin) kommt es zu einem raschen Hormonabfall. Dies kann zur Entstehung von psychischen Krisen beitragen. Das Risiko einer postpartalen Psychose bzw. eine bekannte Psychose in der Anamnese stellen eine Kontraindikation dar, außerdem zählt die Entwicklung von Depressionen zu den als "häufig" aufgeführten Nebenwirkungen von Cabergolin. Und es bestehen weitere Risiken:
"Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse, einschließlich Hypertonie, Myokardinfarkt, Krampfanfall, Schlaganfall oder psychiatrische Erkrankungen wurden bei postpartalen Frauen berichtet, die Cabergolin zur Hemmung der Laktation erhielten...."
(→ Fachinformation Cabergolin-ratiopharm ® 0,5 mg Tabletten)

Somit sollte im Kontext von psychischen Erkrankungen auf die Anwendung von Prolaktinhemmern verzichtet werden.

  • Fotolia_49037642_JackF
    ©Fotolia/JackF
  • ©oksanashufrych
    ©oksanashufrych

Hilfreiche internationale Webseiten/ Links/ Quellen

Schatten & Licht e.V. – Initiative peripartale psychische Erkrankungen
→ Emotionelle Erste Hilfe – Bindungsorientierte Begleitung bei peripartalen Krisen
Marcé Gesellschaft für Peripartale Psychische Erkrankungen e.V.
Sozialinfo.wien – Thema "Depression Selbsthilfe"
European Alliance Against Depression
SKEPT – Säuglings-Kleinkind-Eltern Psychotherapie
ABM Klinisches Protokoll Nr. 18: Verwendung von Antidepressiva bei stillenden Müttern
AWMF S3-Leitlinie: Unipolare Depression

Im Jahr 2027 wird eine neue AWMF S3-Leitlinie: "Peripartale Traumatisierung – Prophylaxe, Diagnostik und Therapie (PERITRAUMA)" erscheinen. Sie können → hier bereits ein Abstract dazu lesen.

Stillen fördern

Stillen fördern
Stillen fördern

Mit Ihrer Hilfe können wir fundiertes Fachwissen und nützliche Dokumente für die Praxis weiterhin kostenfrei auf unserer Webseite zur Verfügung stellen.Spenden