Stillen fördern

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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 05/2026
Die Geburt eines Kindes markiert einen Wendepunkt im Leben einer Familie. Die Intensität und die Bandbreite der Gefühle nach der Geburt übertreffen oft alles, was die werdenden Eltern erwartet haben (Wambach/Spencer, 2026).
Diese Veränderungen betreffen die ständige Präsenz, das „24-Stunden-Eltern-sein“, das damit verbundene Schlafdefizit und reduzierte Rückzugsmöglichkeiten, die Beziehungen zum/zur Partner:in, den eigenen Eltern und Freunden, die Rollenverteilung in der Partnerschaft sowie körperliche Veränderungen (Lauwers et al. 2027). Eltern, die die Fähigkeit haben, der neuen Situation mit dem Baby mit allen inneren und äußeren Belastungen positiv zu begegnen,sind diesen Herausforderungen besser gewachsen. Dies wird auch als Resilienz bezeichnet (Berg, 2014).
Manche Personen hingegen geraten aufgrund dieser neuen Herausforderungen in eine postpartale psychische Krise.
Prinzipiell kann jede Person nach einer Entbindung in einen psychischen Ausnahmezustand geraten. Es gibt jedoch Faktoren, die das Risiko erhöhen, wie z.B. stressbelastete Ereignisse und/oder Traumata.


Psychische Erkrankungen können sich aber auch unabhängig von Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit entwickeln. Typischerweise treten diese im jungen bis mittleren Erwachsenenalter auf. Daher sind bereits manche Personen erkrankt, wenn sie sich mit der Familienplanung beschäftigen. Sie machen sich häufig Gedanken, ob das Kind Einfluss auf den Krankheitsverlauf nehmen könnte und ob sich die bereits etablierte Medikation negativ auf das Ungeborene und/oder gestillte Kind auswirkt.
Bereits bestehende medikamentöse Therapien sollten niemals ohne Rücksprache mit dem/der behandelnden Psychiater:in verändert oder abgesetzt werden. Besonders bei der Einnahme von Antidepressiva in der Schwangerschaft ist ein anschließendes Voll- oder zumindest Teilstillen besonders wichtig, da es die Anpassung nach der Geburt verbessert und mögliche Symptome mindert (Kieviet et al. 2015).
Stillen steht in direktem Zusammenhang mit der mütterlichen psychischen Gesundheit. Durch den physischen Stillvorgang wird die Stressreaktion reguliert, das Risiko für Depressionen gesenkt und bereits vorhandene depressive Symptome gelindert (Core Curriculum LEAARC, 2024). Es wurde nachgewiesen, dass ausschließliches Stillen zu einem signifikant geringeren Risiko für Depressionen führt (Figueiredo et al, 2021) und daher besonders gefördert und unterstützt werden sollte. Risiken für die Beendigung des Stillens sind zu identifizieren und Strategien zu überlegen, wie die stillende Mutter zu mehr Entlastung im Alltagsleben bzw. Schlaf kommen kann (Lauwers et al., 2027).
Teilstillen zeigte in Bezug auf die mütterliche psychische Gesundheit kaum Unterschied zu Formularernährung. Zu bedenken ist dabei jedoch immer die individuelle psychische, physische und soziale Situation der Familie, auch Teilstillen („Buntes Stillen“) ist in vielen Fällen eine gute Lösung.
In manchen Fällen kann auch eine Betreuung des Babys durch eine andere Person in der Nacht hilfreich sein, die der Mutter entweder das Kind zum Stillen bringt oder auch füttert, so dass die Mutter 5-6 Stunden ununterbrochenen Schlaf bekommt (ABM Protocol #18, 2015).
In unserer Rubrik "Neues aus der Forschung" berichten wir regelmäßig über neue Erkenntnisse der Wissenschaft zu den Auswirkungen von Muttermilch und Stillen. Hier finden Sie einen Überblick über einige passende Artikel zum Thema:
Jede:r Still- und Laktationsberater:in IBCLC sollte in der Lage sein, Symptome zu erkennen, die ein normales Stimmungstief von einer ernsthaften psychischen Erkrankung unterscheiden, um die betreffende Person rasch an kompetente Fachkräfte weiterleiten zu können. Dabei ist keine Depression genau wie die andere. Eine Depression ist ein komplexes Syndrom, d.h. ein Krankheitsbild, das sich aus dem Zusammentreffen verschiedener charakteristischer Symptome ergibt.
Die Edinburgh Postpartal Depression Scale (EPDS) ist ein bewährtes Screening-Instrument für eine erste Einschätzung. Es ist kostenlos und in vielen Sprachen verfügbar und eignet sich auch für den Einsatz in der Stillberatung.
Der Screening-Bogen kann → hier in der deutschen Version heruntergeladen werden.


Schlafmangel kann zur Depression führen, umgekehrt führt Depression zu schlechtem Schlaf. Ein erholsamer Nachtschlaf ist im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen von besonderer Bedeutung. Ohne ausreichende Ruhephasen kann es zu einer Verschlechterung der Symptomatik kommen. Deshalb ist es wichtig, auf die individuellen Bedürfnisse der Stillenden einzugehen und falls notwendig weitere Bezugspersonenmiteinzubeziehen.
Gerade in den ersten Wochen nach der Geburt ist für Eltern erholsamer Nachtschlaf nur schwer zu bekommen. Entgegen häufiger Annahmen ist Abstillen oder nächtliches Flaschegeben jedoch nicht automatisch die Lösung. Stillen hilft, den Schlaf zu regulieren (Liu, 2017; Slomian et al., 2019). Kendall-Tackett et al. konnten 2011 in einer Untersuchung von 6410 Müttern zeigen, dass diejenigen, die stillten, signifikant mehr Schlaf, eine bessere physische Gesundheit, mehr Energie und weniger depressive Symptome hatten als Mütter, die teilstillten oder ausschließlich mit Formula ernährten. Ausschließliches Stillen führt darüber hinaus zu schnellerem Einschlafen, insgesamt längeren Schlafphasen und einer besseren Schlafqualität (mehr als doppelt so lange Tiefschlafphasen) (Kendall-Tackett et al., 2013).
Eine psychische Erkrankung und ihr Verlauf haben Auswirkungen auf das gesamte Familiensystem. Der Begleitung der Frauen kommt dabei eine zentrale Rolle zu, denn die Therapie der stillenden Mutter ist auch immer Prävention für die ganze Familie.
Für etwa ein Drittel der depressiven Mütter ist der Bindungsaufbau mit ihrem Baby erschwert. Sie zeigen weniger Mimik, weniger positive Emotionen, lächeln kaum, sprechen weniger und mit geringerer melodischer Intonation, stellen seltener Blick- und Körperkontakt her und berühren ihr Baby seltener liebevoll.
Die hormonelle Situation einer stillenden Mutter (insbesondere durch die Freisetzung von Oxytocin und Prolaktin) unterstützt bindungsorientierte Verhaltensweisen, verhilft zu innerer Ruhe, fördert eine positive Stimmung, verringert die mütterliche Reaktion auf Stressoren und hat direkten Einfluss auf das mütterliche Fürsorgeverhalten (Wambach/Spencer, 2026). Stillen verbessert somit unmittelbar die Interaktion mit dem Kind und trägt dadurch zur Steigerung der Selbstwirksamkeit bei – „Breastfeeding-Self-Efficacy“ (Liu, 2017 und Slomian et al., 2019). Dieser Effekt kann sogar noch 2 Jahre später nachgewiesen werden (Chong et al., 2016; Hahn-Holbrook et al., 2013).
Es ist wichtig, Babys betroffner Familien gut zu beobachtet. Die Reaktionen können sehr unerschiedlich ausfallen: Manche Kinder ziehen sich zurück und vermeiden Blickkontakt. Andere wiederum sind häufig unzufrieden und weinen vermehrt.
Es ist wichtig, dass die Signale des Babys sicher interpretiert und prompt und adäquat beantwortet werden (Ainsworth, 1977). Ist dies nicht gegeben, ist das Risiko für Bindungsstörungen und Entwicklungsverzögerungen deutlich erhöht (AMB, 2015).
Auch Väter und Partner:innen können nach der Geburt in postpartale Krisen geraten (Rohde, 2014). Sie brauchen Zeit, um in der Familie ihre neue Rolle zu finden.
Das Risiko für eine Depression der Partner:innen ist deutlich erhöht, wenn die stillende Mutter bereits an einer PPD leidet, was die negativen Auswirkungen auf das Baby zusätzlich verstärkt (ABM, 2015; Salis, 2016).
Es ist hilfreich, Väter und Partner:innen von Beginn an in die Beratung einzubeziehen und ihnen die entsprechende Wertschätzung entgegen zu bringen. Sie sind wichtiger Teil des Familiensystems und benötigen Unterstützung, ihren Platz zu finden und im engen Kontakt mit dem Baby eine eigene Beziehung zu ihm aufzubauen.


Besteht eine medizinische Indikation oder ein dringender Abstillwunsch seitens der Mutter, sollte bei Frauen mit bekannter psychischer Vulnerabilität oder bestehender psychischer Erkrankung unbedingt ein konservatives und langsames Abstillen empfohlen werden. Dadurch werden die physiologischen Vorgänge unterstützt und die Mutter kann in diesem Prozess optimal begleitet werden.
Werden hingegen Prolaktinhemmer zum medikamentösen Abstillen eingesetzt (z.B. Cabergolin) kommt es zu einem raschen Hormonabfall. Dies kann zur Entstehung von psychischen Krisen beitragen. Das Risiko einer postpartalen Psychose bzw. eine bekannte Psychose in der Anamnese stellen eine Kontraindikation dar, außerdem zählt die Entwicklung von Depressionen zu den als "häufig" aufgeführten Nebenwirkungen von Cabergolin. Und es bestehen weitere Risiken:
"Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse, einschließlich Hypertonie, Myokardinfarkt, Krampfanfall, Schlaganfall oder psychiatrische Erkrankungen wurden bei postpartalen Frauen berichtet, die Cabergolin zur Hemmung der Laktation erhielten...."
(→ Fachinformation Cabergolin-ratiopharm ® 0,5 mg Tabletten)
Somit sollte im Kontext von psychischen Erkrankungen auf die Anwendung von Prolaktinhemmern verzichtet werden.


→ Schatten & Licht e.V. – Initiative peripartale psychische Erkrankungen
→ Emotionelle Erste Hilfe – Bindungsorientierte Begleitung bei peripartalen Krisen
→ Marcé Gesellschaft für Peripartale Psychische Erkrankungen e.V.
→ Sozialinfo.wien – Thema "Depression Selbsthilfe"
→ European Alliance Against Depression
→ SKEPT – Säuglings-Kleinkind-Eltern Psychotherapie
→ ABM Klinisches Protokoll Nr. 18: Verwendung von Antidepressiva bei stillenden Müttern
→ AWMF S3-Leitlinie: Unipolare Depression
Im Jahr 2027 wird eine neue AWMF S3-Leitlinie: "Peripartale Traumatisierung – Prophylaxe, Diagnostik und Therapie (PERITRAUMA)" erscheinen. Sie können → hier bereits ein Abstract dazu lesen.

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