Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Milchstau – Mastitis – Mamma-Abszess
in der Stillzeit

Die EISL-Fachinformationen werden regelmäßig überprüft und ergänzt.
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 7/2023

Häufig auftretende Probleme in der Stillzeit

Milchstau oder Mastitis gehören zu den häufigsten Problemen in der Stillzeit und gehen meist mit einer belastenden und schmerzhaften Erfahrung einher. Daher ist es besonders wichtig, schnelle und effektive Maßnahmen zu ergreifen und die Mutter in dieser Phase einfühlsam zu unterstützen.

Wenn Brustprobleme wie Milchstau, Mastitis oder Abszess auftreten, äußern Frauen oft den Wunsch nach einem raschen Abstillen. Während der akuten Krise wäre Abstillen allerdings kontraindiziert und würde die Situation verschlimmern. Die Mutter benötigt daher Unterstützung beim Überwinden der Krise und zugleich die Gewissheit, dass sie nach Abklingen der Mastitis fachlich kompetent beim Abstillen begleitet und unterstützt wird, sofern sie noch immer den Wunsch danach haben sollte.

Wichtig zu wissen: Das Weiterstillen in der akuten Phase gehört zu den wichtigsten therapeutischen Maßnahmen und ist unproblematisch für das Kind. Eventuell notwendige Medikamente können so gewählt werden, dass sie stillverträglich sind.

Mastitis-Spektrum

Das ganz aktuelle ABM-Protokoll Nr. 36 ("Mastitis-Spektrum"), kann als gute Grundlage für Standards weltweit gelten. Wir haben im Juni 2022 dieses Protokoll zusammenfassend auf Deutsch für den EISL-Newsletter vorgestellt:
→ Neues ABM-Protokoll N. 36: Mastitis-Spektrum

Im Jahr 2013 wurde die S3-Leitlinie „Therapie entzündlicher Brusterkrankungen in der Stillzeit“ für den deutschsprachigen Raum veröffentlicht und befindet sich noch immer in Überarbeitung. Derzeit steht die
Leitlinie nicht auf der AWMF-Webseite zur Verfügung.

Nach heutigem Verständnis handelt es sich beim Begriff „Mastitis“ eigentlich um ein Spektrum an Symptomen und Ursachen. Allen gemeinsam ist, dass das gesunde natürliche Mikrobiom der Brust gestört ist und sich Keime anreichern können, die zu den typischen Symptomen führen.

Auch ein Milchstau gehört im Grunde bereits in das „Mastitis-Spektrum“, im Englischen wird meist gar nicht scharf zwischen diesem Zustand und einer Mastitis unterschieden. Im deutschsprachigen Raum halten wir es trotzdem weiterhin für sinnvoll, eine sprachliche Abgrenzung vorzunehmen, es sollte uns jedoch bewusst sein, dass die Übergänge fließend sind und auch beim Milchstau die Ursache in einem gestörten Mikrobiom der Brust liegen kann.

Mikrobiom/ Dysbiose

In der gesunden Brust kleidet ein Biofilm die Milchgänge aus, bestehend aus einer heterogenen Bakterienpopulation. Dadurch wird der Milchfluss unterstützt.
Dieses natürliche Mikrobiom kann in ein Ungleichgewicht geraten („Mammary dysbiosis“) und die Störung der mikrobiotischen Balance zum Entstehen von Fluss-Störungen beitragen.

Bei einer Mastitis kommt es in den Milchgängen durch vermehrtes Wachstum pathogener Keime zu einer Verdickung des Biofilms sowie einer Entzündung des Epithels, einer Vergrößerung des Druckes im
Milchgangssystem und dadurch zu vermindertem Blut- und Lymphfluss. Das Risiko einer Infektion steigt, da Bakterien nicht durch das lymphatische System abtransportiert werden.

Milchstau

Ein Milchstau kann als lokal begrenzte Stelle oder als Schwellung und Rötung einer ganzen Brust auftreten.
Typischerweise ist der Stau die Folge von ineffektivem oder zu seltenem Entleeren der Brust und kann in allen Phasen der Stillzeit auftreten. Eine Stillpause oder gar ein Abstillen sind kontraindiziert, die Situation würde nur schlimmer werden! Dass die Milch ins Fließen kommt, ist wichtiger Teil der Therapie.

Eine strenge Unterscheidung zwischen einem Milchstau und einer beginnenden Mastitis ist nicht immer möglich, der Übergang fließend. Grundsätzlich gilt: je früher Gegenmaßnahmen ergriffen werden, umso rascher kann der fortschreitende Verlauf gestoppt werden.

Symptome

  • Lokal begrenzte druckempfindliche Verhärtungen in verschiedenen Bereichen der Brust, besonders häufig im oberen, äußeren Quadranten
  • Mäßige, diffuse oder umschriebene Rötung, Überwärmung
  • Erschwerter Milchspendereflex durch Schmerzen und Stauung
  • Selten Fieber und allgemeines Krankheitsgefühl

Ursachen

  • Schlechtes Stillmanagement, zu seltenes oder ineffektives Saugen, inkorrekte Anlegetechnik
  • Stress, Erschöpfung, Schmerzen ⇒ Erschwerter Milchspendereflex (insbesondere wenn Frauen häufig wiederkehrend Milchstau haben, sollte hier genauer hingesehen werden)
  • Dysbiose der Brustdrüse ⇒ Bildung von "Zellklumpen" durch entzündliche Prozesse
  • Übermäßige Milchbildung (Hyperlaktation), manchmal verursacht durch zusätzliches oder exzessives Pumpen ohne klare Indikation (in einigen Fällen auf Anraten von Fachpersonal)
  • In Einzelfällen auch Stoß- oder Druckeinwirkung, Verletzung mit Hämatombildung

(Wambach/Spencer, 2021:257ff; Lawrence, 2022:583ff; ABM-Protokoll #36, 2022)

Prävention

  • Intuitives Stillen als erste Wahl, alternativ: Modifizierte Wiegehaltung, Rückenhaltung und Stillen im Liegen
  • Korrektes Anlegen: Brust wird effektiv gefasst, viel Brustgewebe im Mund des Kindes ⇒ guter Milchfluss und Prävention gegen wunde Mamillen
  • Unlimitiertes Stillen nach Bedarf, häufiger und ausgedehnter Haut-zu-Hautkontakt zwischen Mutter und Kind
  • Beachten der frühen Stillzeichen, bei Bedarf Wecken eines schläfrigen Babys
  • Unterstützung/Entlastung für die Mutter organisieren, um Ruhepausen (auch gemeinsam mit dem Baby) zu gewährleisten
  • Starken Druck auf die Brust durch zu engen BH oder ungünstig sitzende Tragehilfen vermeiden

(Lauwers/Swisher, 2021:415; Walker, 2023:524; ABM-Protokoll #36, 2022)

Behandlung

  • Sanftes Lockern des Brustgewebes vor dem Anlegen und während des Stillens
  • Häufiges Anregen des Milchflusses durch das Baby, schläfriges Baby wecken
  • Korrektes Anlegen überprüfen, evtl. Unterkiefer des Babys in Richtung des betroffenen Areals ausrichten/ Stillposition verändern
  • Bei unzureichender Anregung des Milchflusses durch das Baby, Unterstützung durch Handgewinnung, ggf. Milchpumpe
  • Viel Ruhe und Entspannung, möglichst Bettruhe
  • In Einzelfällen zur Unterstützung des Milchflusses: vor dem Stillen feuchte Wärme (warme Kompressen, Dusche), wenn es der Mutter angenehm ist
  • Kälteanwendung nach dem Stillen, wenn es der Mutter angenehm ist (kalte Wickel, Cold-Pack aus dem Kühlschrank, Kraut- oder Quarkwickel – alles nur Kühlschranktemperatur, keine Anwendung von Gefriergut, keine Alkoholumschläge!)
  • Bei Bedarf stillverträgliche Schmerzmittel (Ibuprofen als Mittel der ersten Wahl): auf ausreichend hohe Dosierung achten, in regelmäßigen Abständen einnehmen, um einen Spiegel aufzubauen
  • Bei wiederkehrenden lokalen Verhärtungen: Vitamin C als Tagesdosis, Lecithin 3-4x1200mg/Tag (Lauwers, 2021) oder mehr (ABM 2022: 5 – 10 mg tägl.), wenig tierische Fette, Koffein/Teein meiden
  • Bei sichtbarem "nipple bleb" kann eine niedrig dosierte Hydrocortisoncreme lokal auf die Mamille aufgetragen werden, um das Gewebe zu erweichen und die lokale Entzündungsreaktion zu verringern. Laut aktueller Literatur wird von der Eröffnung durch Nadeln o.ä. abgeraten.

UNBEDINGT BEACHTEN

• Keine Einschränkung der Flüssigkeitszufuhr!
• Keine festen Massagen, Druck in die Tiefe, keine schmerzhaften Maßnahmen!
• Keine Prolaktinhemmer, keine Stillpause, kein Abstillen!

Eine deutliche Besserung sollte innerhalb der ersten 24 Stunden, spätestens nach 48 Stunden eintreten. Wenn dies nicht der Fall ist oder hohes Fieber auftritt, ist der Übergang zur Mastitis erreicht und eine ärztliche Konsultation ist notwendig.

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    Lokaler Milchstau, evtl. durch Druck auf das Gewebe – © K. Frischknecht
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    Verstopfter Milchgang – © R. Merkelbach

Mastitiden

Wir unterscheiden heute zwischen akuten ("klassischen") Mastitiden mit Entzündungszeichen, die größtenteils durch eine Infektion mit toxinbildenden Bakterien (meist Staph. aureus) verursacht werden, und sogenannten "subakuten" Mastitiden, bei denen koagulase-negative Bakterien die Überhand gewonnen haben. Diese Keime bilden keine Toxine aus, daher fehlen die typischen Entzündungszeichen.

Mastitiden werden begünstigt durch:

  • wunde Mamillen und deren inadäquate Behandlung
  • verstärkte Initiale Brustdrüsenschwellung und deren ineffektive Behandlung
  • verzögerte Laktogenese II
  • ineffektiv behandelter Milchstau, unzureichend behandelte vorangegangene Mastitiden (Gefahr von Rezidiven)
  • Hypergalaktie/ Hyperlaktation, teilweise iatrogen verursacht durch zusätzliches oder exzessives Pumpen
  • inkorrekte Anwendung von Stillhütchen, Pumpen oder anderen Hilfsmitteln
  • Brust-Trauma, strukturelle Probleme der Brust (Anomalien, Zysten, Z.n. Brust-Operationen etc.)
  • Erschöpfung, Stress, niedriger Immunstatus
  • Fehlende Hygiene (Handhygiene in der Klinik! insbesondere bei offenen Mamillen)
  • Antibiotikagabe während der Geburt (Odds Ratio 1.53) (Ledger & Blaser, 2013)

(Lauwers/Swisher, 2021:419; Walker, 2023:523; AMB-Protokoll #36, 2022)

Akute / "Klassische" Mastitis puerperalis

Die akute Mastitis kann infektionsbedingt durch Eintritt von Keimen in die Brust oder stauungsbedingt durch Behinderung des effektiven Milchflusses entstehen.

Symptome

  • Starke Schwellung, harte Brust
  • Starke Schmerzen, schlechter Allgemeinzustand der Mutter
  • Grippeähnliche Symptome, Kopf- und Gliederschmerzen
  • Meist schnell ansteigendes hohes Fieber, Schüttelfrost
  • In der Regel scharf begrenzte Rötung des betroffenen Gebiets, bei länger andauernder Entzündung typische Orangenhaut (Achtung Differentialdiagnose: Orangenhaut kann auch ein Hinweis auf Mamma-Carzinom sein – bei atypischem Verlauf/ fehlender Besserung unter Antibiose immer Abklärung!)
  • In schweren Fällen deutliches Infiltrat tastbar, starke Rötung, sehr berührungsempfindlich. Besonders häufig ist der obere äußere Quadrant befallen.

Prävention

Es gelten diesselben präventiven Maßnahmen wie im Abschnitt "Milchstau" aufgeführt. Die beste Prävention liegt in der Vermeidung von Milchstau und wunden Mamillen.
Wenn offene Wunden an der Mamille vorliegen, ist unbedingt auf gute Handhygiene und ein adäquates Wundmanagement zu achten!

Zum Weiterlesen:

Behandlung

Ursachenforschung ist wichtig, um eine adäquate Behandlung einzuleiten und Rezidive zu verhindern.

Abstillen ist nicht indiziert und kann die Situation dramatisch verschlimmern! Zugleich erhöht sich dadurch das Risiko für eine nachfolgende Abszessbildung.

KONSERVATIVE MAßNAHMEN:

  • Anregung eines effektiven Milchflusses durch das Baby, spätestens alle 2 - 3 Stunden – schläfriges Baby wecken
  • Wenn nötig, Milchgewinnung per Hand oder mit einer Milchpumpe, Ziel ist regelmäßige Entlastung der Brust, kein "Leerpumpen"
  • Durch die Stauung besteht die Gefahr des Rückgangs der Milchbildung, daher trägt häufiges Stillen auch zum Erhalt der Milchproduktion für die Zeit nach der Krise bei
  • Strenge Bettruhe, möglichst viel Haut-zu-Hautkontakt mit dem Baby, Trinken nach Durstgefühl (keine Einschränkung der Flüssigkeitsmenge!)
  • Verabreichung eines stillverträgliches Analgetikums (Ibuprofen ist Mittel der ersten Wahl – zugleich entzündungshemmende und abschwellende Wirkung). Auf ausreichend hohe Dosierung achten, in regelmäßigen Abständen einnehmen, um einen Spiegel aufzubauen

Normalerweise ist nur eine Brust betroffen. Früher wurde in der Literatur auf den speziellen Fall der beidseitigen, gleichzeitig auftretenden Masitits (sehr selten!) hingewiesen. Die aktuelle Literatur seit 2021 unterscheidet hier nicht mehr in der Behandlung.
Somit ist die frühere Empfehlung zur Stillpause und pasteurisierung der Muttermilch überflüssig.

ANTIBIOSE:

Falls nach 12 - 24 Stunden unter konservativen Maßnahmen keine deutliche Besserung eintritt, ist von einer bakteriellen Mastitis auszugehen und ein stillverträgliches Antibiotikum in ausreichender Dosierung und Dauer ist indiziert. Bei Müttern mit sehr heftigen Symptomen und plötzlich sehr hohem Fieber kann auch direkt mit der Antibiose begonnen werden.

Auch bei rezidivierenden Verläufen darf die Antibiose nicht verzögert werden.

Geeignet sind stillverträgliche Antibiotika:
• In der Literatur (Lawrence, 2022:586; Walker, 2023:525, ABM-Protokoll #36, 2022) wird empfohlen, als Mittel der 1. Wahl i.v. Dicloxacillin oder Flucloxacillin zu verwenden (Dosierungen siehe ABM-Protokoll #36)
• Ebenso möglich: Cephalosporine, z.B. Cefalex oder Cefuroxim (Core Curriculum, 2023/2024:451) – gute orale Verfügbarkeit
• Ebenso möglich: Amoxicillin + Clavulansäure (Wambach/Spencer, 2021:285)
• Bei Penicillin-Allergie sind auch Erythromycin oder die oben genannten Cephalosporine möglich
• Wenn ein MRSA-Keim vorliegt (Methicillin-resistenter Staph. aureus), sollte Clindamycin oder Trimethoprim-Sulfamethoxazol (TMP-SMX) verwendet werden


Wichtig: Eine ausreichend lange Antibiose (mind. 10 - 14 Tage) ist notwendig, um die Gefahr von Rezidiven zu minimieren und somit auch dem Risiko für einen Brustabszess vorzubeugen.

Bei schweren Verläufen kann ein klinischer Aufenthalt mit i.v.-Antibiose erforderlich sein. Dazu sollte das Baby selbstverständlich mit aufgenommen- und die Mutter beim Weiterstillen unterstützt werden.
Die ABM (Acadamy of Breastfeeding Medicine) hat 2021 ein neues Protokoll zum Schutz des Stillens während eines Klinikaufenthalts von Mutter oder Kind heraus gegeben. Lesen Sie dazu mehr in unserer Anlage zum →  EISL-Newsletter von Oktober 2021.

Unbedingt beachten: Gesunde Kinder können uneingeschränkt weitergestillt werden, es bestehen keine Bedenken bezüglich einer bakteriellen Belastung der Milch. Da jedoch der Natrium-Gehalt unter der Mastitis stark ansteigt, kann sich der Geschmack der Milch verändern.
Eine Besserung wird innerhalb von 48 h erwartet (sonst Milchkultur anlegen und wenn nötig Antibiose umstellen). Bei rezidivierenden Mastitiden sollte vor erneuter Anitbiose getestet werden, gegen welche Antibiotika die Bakterien in der Muttermilch empfindlich sind.
Eine routinemäßige Muttermilchkultur ist nur bei kleinen Frühchen oder kranken Kindern sinnvoll, da in diesem Fall bei hohen Keimzahlen oder Problemkeimen in Einzelfällen über eine Stillpause oder das Pasteurisieren der Milch nachgedacht wird.

(Wambach/Spencer, 2021:285; Lawrence, 2022:586; Walker, 2023:425; ABM-Protokoll #36, 2022)

PROBIOTIKA:

Die Datenlage zum Einsatz von Probiotika ist derzeit noch gemischt. Ein systematisches Review (Barker et al., 2020) kommt zum Ergebnis, dass Probiotika sowohl zur Behandlung als auch zur Prävention von Mastitiden eingesetzt werden können, dass aber derzeit noch keine starke Empfehlung dafür ausgesprochen werden kann, weil die vorhandenen Studien noch nicht ausreichend dafür sind. Wenn Probiotika eingesetzt werden, sollte das Präparat in jedem Fall die beiden Stämme Limosilactobacillus fermentum (früher „Lactobacillus fermentum“) und Ligilactobacillus salivarius (früher „Lactobacillus salivarius“) enthalten.
Z.B. Flora-21 Kulturen Komplex von Natural Elements, Probiona von Natur Love Kulturenkomplex Kapseln, Kijimea® K53; Stand Februar 2023

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    Mastitis als Folge der infizierten, offenen Mamille – © G. Nindl
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    Orangenhaut bei Mastitis – © Ch. Marmet

Subakute Mastitis

In den letzten Jahren kristallisierte sich mehr und mehr heraus, dass es sich bei der in der Vergangenheit häufig als "Soor der Milchgänge" interpretierten Mastitis (auch bezeichnet als "Soormastitis"), nach heutigen Erkentnissen tatsächlich um eine chronische Dysbiose des Mikrobioms der Brust handelt, die zu einer bakteriellen Mischinfektion führen kann. Dabei fehlen die klassischen Symptome einer Entzündung (Rötung, Überwärmung) oder Allgemeinsymtome (Fieber, Krankheitsgefühl). Statt dessen zeigen sich spezifische lokale Symptome, wie z.B. brennende, stechende Schmerzen in der Brust.

Durch eine Dysbiose der Brustdrüse (Mammary-Dysbiosis) wird das Wachstum von pathogenen Keimen verstärkt und die Entstehung von Mastitiden begünstigt.
Sogenannte subakute Mastitiden werden typischerweise durch koagulase-negative Bakterien wie z.B. Staph. epidermis oder Strept. salivarius verursacht (ABM, 2022). Diese produzieren im Gegensatz zu Staph. aureus keine Toxine (welche für die lokalen Entzündungszeichen der klassischen Mastitis verantwortlich sind). Die aus der Verdickung des Biofilms resultierende Verengung des Lumens übt Druck auf das umliegende Epithel aus, was zu den charakteristischen stechenden und brennenden Schmerzen führt.

Symptome

  • Tief stechende oder brennende Schmerzen in der Brust, teilweise in die Achselhöhle oder den Rücken ausstrahlend
  • Symptome während des Stillens oder auch nach dem Stillen, oft beginnend mit dem Einsetzen des Milchspendereflexes
  • Kann von Symptomen eines Soors im Bereich der Mamille begleitet sein (lesen Sie dazu mehr auf der EISL-Fachseite → Wunde Mamillen in der Stillzeit
  • Häufig in Kombination mit einem Milchbläschen/ Milkblister anzutreffen
  • Stauungsgefühl, Rückgang der Milchmenge
  • Veränderung der Milchzusammensetzung (Natrium erhöht)
  • Risiko für die Entwicklung einer chronisch rezidivierenden Mastitis

Mikrobiom der Brust

Wie bereits seit vielen Jahren bekannt, gibt es eine Migration von Lymphzellen aus der Lunge und dem Darm in die Brustdrüse (früher manchmal als "bronchiomammäre" bzw. "enteromammäre Leitungsbahnen" bezeichnet). Dies beeinflusst die immunologische Zusammensetzung der Muttermilch. Ebenso hat das Mikrobiom von Lunge und Darm auf diese Weise Einfluss auf das Mikrobiom der Brustdrüse. Es ist interindividuell variabel und verändert sich auch im Verlauf der Laktation. Einfluss haben außerdem der Geburtsmodus, das mütterliche Gewicht und die Ernährung der Mutter.

In jüngster Zeit mehren sich wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass auch die Einnahme von Probiotika Einfluss auf das Mikrobiom der Brust nimmt. Dies könnte künftig einen vielversprechenden Ansatz in der Therapie von Mastitiden, Brustschmerzen und rezidivierenden Problemen darstellen. Darüber hinaus können sie zur Unterstützung des natürlichen Mikobioms in der Brust eingesetzt werden.
Ebenso sind in der Literatur die positiven Auswirkungen langkettiger Fettsäuren (insbesondere Omega-3-Fettsäuren – z.B. Leinöl) auf dieBrustgesundheit beschrieben. Eine gesunde Ernährung sowie die zusätzliche Einnahme von LC-PUFAs (z.B. in Form von Nachtkerzenöl – vorrangig Omega-6-Fettsäuren) könnten unterstützend wirken.

Vorgehensweise bei Verdacht auf subakute Mastitis

  • Differentialdiagnostik: Ausschluss und Therapie anderer Ursachen für die Schmerzen in der Brust, insbesondere Ausschluss eines Vasospasmus
  • Gesunde und ausgewogene Ernährung, die natürliche Probiotika beinhaltet, z.B. fermentierte Produkte. Die zuätzliche Einnahme von LC-PUFAs könnten unterstützend wirken
  • Vorgehen nach→ ABM-Protokoll Nr. 26 ("Anhaltende Schmerzen beim Stillen")
  • Empathische und wertschätzende Begleitung, gerade auch vor dem Hintergrund dass man "nichts sieht"
  • Obwohl der Einsatz von Probiotika derzeit (noch) nicht in den Leitlinien verankert ist, gibt es deutliche Hinweise, dass das Mikrobiom der Brustdrüse positiv beeinflusst und damit die Schmerzen verringert werden können.

Maßnahmen:
• Bei Stauung regelmäßige Entlastung der Brust, ausreichend häufiges und ausreichend langes Stillen mit korrekter Anlegetechnik
• Probiotika und LC-PUFAs als Versuch, die Dysbiose aufzuheben
• Schmerzmedikation bei Bedarf
• In der Literatur beschrieben (allerdings noch wenig Evidenz für die Verwendung an der Brust):
– Anwendung von Bakteriocinen wie z.B. Nisin (ein Produkt von Lactococcus lactis), als Lösung auf Mamille und Areola aufgetragen (Walker, 2023:526f). Bakteriocine werden in der Nahrungsmittelindustrie und Milchwirtschaft schon seit längerem verwendet.

Behandlung

Wann ist die Behandlung mit einem Antibiotikum angemessen?
– Wenn die Schmerzen sehr stark sind oder zunehmen
– Wenn schon über längere Zeit verschiedene Therapien ausprobiert wurden
– Bei unzureichendem Behandlungserfolg mit Probiotika

Antibiose:
– Clindamycin (1. Wahl) für 10 - 14 Tage (ABM-Protokoll # 36, 2022; Lawrence 2022:586)
– Dicloxacillin oder Flucloxacillin 10 - 14 Tage (ABM-Protokoll # 36, 2022; Walker, 2023:525)
– Cephalexin mindestens 10 - 14 Tage (ABM-Protokoll # 36, 2022; Core Curriculum, 2019:326)
– Erythromycin, niedrig dosiert über mehrere Wochen
– Vancomycin bei MRSA
– Internationale Literatur: bei Kombination von Mammary Dysbiose mit MRSA und Milkblister: 1-2 Dosen i. v. von Daptomycin oder Dalbavancin (im deutschsprachigen Raum allerdings bisher noch keine Erfahrungen dazu)

Die Diagnose Subakute Mastitis sollte mittels mikrobiologischer Analyse gestellt werden. Leider fehlen nach wie vor standartisierte Protokolle für die Sammlung, Lagerung und Analyse der Milchproben. Weiteres werden involvierte Mikroorganismen in der Regel nicht als pathogen eingestuft.
Daher erfolgt der Einsatz eines Antibiotikums meist aufgrund der Symptome. Parallel dazu kann es sinnvoll sein, vor der Antibiotikagabe eine Milchprobe einzuschicken und ein Antibiogramm erstellen zu lassen. Wenn die Ergebnisse vorliegen, kann bei Bedarf die Behandlung geändert werden.

Für Abnahme einer Milchkultur empfiehlt sich folgende Vorgehensweise:

1. Reinigung von Mamille und Areola: Es werden in der Literatur zwei Optionen beschrieben: Auftragen einer antiseptischen Lösung oder Waschen mit warmem Seifenwasser und Trocknen an der Luft. Es existieren keine Daten dazu, welche Methode besser geeignet ist, um die Hautkeime zu entfernen und gleichzeitig die empfindliche Haut von Mamille und Areola nicht zu beschädigen.
2. Handgewinnung von Muttermilch unter Verwendung von sterilen Handschuhen
3. Sammlung von ca. 5 – 10 ml Muttermilch in einem sterilen Behälter
4. Die Mamille sollte den Behälter nicht berühren
5. Einsendung ins Labor zur Keimbestimmung und zur Bestimmung von Resistenzen

Differentialdiagnose Mammary Constriction Syndrom

Das Mammary Constriction Syndrom entsteht vermutlich durch Verspannungen der Brustmuskuslatur. Betroffene Frauen verspüren Schmerzen nach dem Stillen (Stechen - Brennen - "wie Feuer" - "wie Scherben") und haben Schmerzen im Schulter- Nackenbereich.

Behandelt wird das Mammary Constriction Syndrom durch:
- Dehnen, Strecken, Bewegung
- Massagen
- Osteopathie

Wir berichteten über dieses Phänomen bereits in unserer → Anlage zum Newsletter von Oktober 2014, lesen Sie dazu die erste Seite des PDFs.
Im Juni 2023 hielt Gabi Andres, IBCLC, einen Vortrag auf unserem EISL-Kongress in München. Ihre Folien hat sie im Anschluss freundlicherweise zur Verfügung gestellt:

Mamma-Abszess

Die Entwicklung eines Brustabszess ist im Allgemeinen die Folge von zu spät einsetzender, unzureichender oder falscher Therapie einer Mastitis (beispielsweise fehlendes häufiges Anlegen, unsachgemäße Brustmassage) (Walker, 2023:528). Darüber hinaus zählen wunde, offene Mamillen zu den weiteren Risikofaktoren. Häufig zeigt sich nach vorangegangener Mastitis ein roter Fleck auf der Brust oder eine feste/ fluktuierend ödematöse Stelle, die auch nach dem Anlegen nicht verschwindet (meist ohne weitere Entzündungszeichen wie Fieber).

Ein Abszess entsteht durch absterbende Zellen, die eine Pseudokapsel (ein mit Eiter gefüllter Hohlraum) bilden. Dieser abgekapselte Bereich steht normalerweise nicht in Verbindung mit dem Drüsengewebe oder den Milchgängen. Die Diagnose wird durch eine Ultraschalluntersuchung gesichert.

Symptome

  • Verhärtete Stelle ("Knoten"), die sich beim Stillen nicht verändert
  • Persistierende lokale Entzündungszeichen
  • Abgekapselte Gewebseinschmelzung
  • Zunehmender Druckschmerz
  • Fieber kann auftreten, aber auch ohne Fieber kann sich ein Abszess entwickeln
  • Häufig rezidivierende Milchstaus und offene Mamillen in der Anamnese

Therapie

  • Eröffnung des Abszesses: sonographisch gesteuerte Punktion, das Punktat sollte bakteriologisch untersucht werden, um die passende Antibiose auszuwählen. Die Punktion muss mehrfach wiederholt werden, durchschnittlich 1 - 4 Mal. Manche Behandler entscheiden sich dafür, eine Braunüle temporär liegen zu lassen und so den Abfluss und ggf. eine Spülung zu erleichtern. (Diese Vorgehensweise ist als Paradigmenwechsel bereits seit 2006 von Strauss et al. im deutschsprachigen Raum beschrieben worden.)
  • Begleitende, ausreichend lange orale Antibiose als Standardtherapie
  • Eine Inzision wird nur durchgeführt, wenn unter o.g. Therapie eine klinische Verschlechterung bzw. keine Besserung eintritt, oder bei großen Abszessen. Die Schnittführung erfolgt möglichst weit entfernt von der Areola, um die regelmäßige Milchgewinnung zu ermöglichen.
  • Inzision mit Gegeninzision (und Einlage einer Lasche) ist heute obsolet!
  • Eine wirksame Schmerztherapie ist notwendig
  • Die Milch ist bakteriologisch unbedenklich und auch an der betroffenen Brust kann weitergestillt oder abgepumpt werden
  • Wenn der Schnitt nahe an der Areola gesetzt werden muss, wird bis zum Ausgranulieren der Abszesshöhle (ca. 4 - 6 Tage) nur an der gesunden Brust gestillt, die betroffene Seite wird sanft abgepumpt oder manuell per Hand gewonnen, bis das Stillen wieder möglich ist
  • Die Wunde sondert manchmal Wundflüssigkeit und Muttermilch ab, was den Heilungsverlauf positiv beeinflusst. Die Sorge vor der Bildung von Milchfisteln ist unbegründet.

(Walker, 2023:528f; ABM-Protokoll #36, 2022; Lawrence, 2022:586f)

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    Sichtbarer Abszess, nahe der Mamille – © E. Unterberger
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    Spontan selbst eröffnender Abszess – © T. Juppe-Schütz

Differentialdiagnosen:

Die Galaktozele ist eine zystenartige Ausstülpung eines Milchgangs, in dem sich bei Stauung Milch sammelt. Wenn diese sehr groß wird oder Beschwerden verursacht, kann sie punktiert oder chirurgis mit einer Drainage für 3 – 5 Tage versorgt werden (Lawrence, 2022:586f).

Manchmal maskiert ein vermeintlicher Abszess die Entwicklung eines Mammacarzinoms, zudem sind auch andere Brusterkrankungen, die nicht mit der Laktation in Zusammenhang stehen, jederzeit möglich. Jeder persistierende Knoten in der Brust muss auch während der Stillzeit abgeklärt werden.

Beachten Sie dazu auch die folgenden beiden Artikel:

Stillen fördern

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